• Autonomie als höchstes Ziel - der Kampf um die Unabhängigkeit des Inselreichs bedroht auch die ethnischen Minderheiten

Politik : Autonomie als höchstes Ziel - der Kampf um die Unabhängigkeit des Inselreichs bedroht auch die ethnischen Minderheiten

Michael Streck

Vergessen sind die jüngsten Erfolge der Demokratisierung in Indonesien. Der Terror in Ost-Timor wirft einen langen Schatten über die ersten freien Wahlen im vergangenen Juni und die zaghaften Versuche, demokratische Strukturen in dem Inselreich aufzubauen. Die Nachrichten aus Ost-Timor lösten pures Entsetzen aus: Hinrichtungen, Deportationen, Angriffe auf katholische Kirchen, brennende Häuser, Morde an Priestern, Nonnen und Menschen, die in Kirchen Schutz gesucht hatten.

Was bedeuten die Massaker an Ost-Timorern für andere ethnische Minderheiten in Indonesien und die direkten Angriffe auf Christen für die fragilen Beziehungen zwischen der moslemischen Mehrheit (rund 90 Prozent der Bevölkerung bekennt sich zum Islam) und den anderen Religionen in einer Nation, die auch eine lange Geschichte von Aufruhr und Lynchjustiz kennt? Man erinnere sich an die geplünderten chinesischen Geschäfte 1998 auf Java, an die systematische Vergewaltigung chinesischer Frauen in Jakarta, oder die immer wieder aufflackernden blutigen Zusammenstöße zwischen Moslems und Christen auf den Molukken.

Für Pipit Kartawijaja von der Menschenrechtsorganisation Watch Indonesia sind die Ereignisse in Ost-Timor "ein schlechtes Zeichen für die Zukunft Indonesiens." Es werde demonstriert, dass sich die Minderheit pro-indonesischer Kräfte mit Gewalt gegen den demokratischen Willen der Mehrheit des nach Unabhängigkeit strebenden Volkes durchzusetzen versucht. "Für die Provinzen Aceh in Nord Sumatra, Irian Jaya und die Molukken ist das Signal alarmierend", betont er. In Aceh wächst die Gruppe der Unabhängigkeitsbefürworter ständig, trotz brutaler Gewalt durch das Militär. Auch in Irian Jaya, dem westlichen Teil Neuguineas, wurden die Stimmen zu mehr regionaler Autonomie stets durch Soldaten zum Schweigen gebracht.

Im Mai 1998 musste Indonesiens Präsident Suharto abdanken. Die neu gewonnenen Freiheiten haben auch dazu geführt, dass der Argwohn zwischen Moslems und Christen von politischer Seite genutzt, um die eigentlichen Ursachen der ökonomischen und sozialen Misere, wie Vetternwirtschaft und Korruption zu ignorieren und nach bequemen Sündenböcken zu suchen. Verschärft wird diese Tendenz durch die ständig wachsende Kluft in der Gesellschaft. Der wirtschaftliche Kollaps durch die Asienkrise hat breite Bevölkerungsschichten zurück in die Armut gestürzt. Freiheit vermischt sich so mit diffusem Hass, mit Anarchie von verarmten Bauern und Landlosen und jugendlichen Gangs in den Großstädten.

Im politischen Machtkampf um die Präsidentschaftswahlen im November, um Einfluss von Parteien und religiösen Gruppen, dulden Politiker und geistliche Führer, dass die Armen der Manipulation ausgesetzt sind. Die freiere und auch kritische Berichterstattung in den Medien erreicht nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Vom Konflikt in Ost-Timor dürften viele kaum erfahren. Selbst auf Java, dem wirtschaftlichen und politischen Zentrum Indonesiens, kann Privatfernsehen nur im Westen der Insel empfangen werden. Die staatlichen Rundfunkprogramme versorgen zwar den ganzen Archipel mit Nachrichten, doch sind diese gefiltert.

"Die Grundstimmung ist nationalistisch", sagt Pipit Kartawijaja und fügt hinzu, "die Einheit der Nation gilt als heilige Kuh". Alles dreht sich in Jakarta um die Frage, wie man das riesige Reich zusammenhalten und die Fliehkräfte der Autonomiebestrebungen begrenzen kann. Bisher wusste nur das Militär eine Antwort. Ungewiss bleibt, ob in Zukunft zivile Institutionen Konfliktlösungen anbieten können.

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