• Bald glaubt in Jerusalem keiner mehr an Jesus - Patriarch Sabbah prangert politische Missstände an

Politik : Bald glaubt in Jerusalem keiner mehr an Jesus - Patriarch Sabbah prangert politische Missstände an

Martin Gehlen

Während Johannes Paul II. die Ursprungsorte des Christentums besucht, stehen zusammen mit dem Papst auch die Christen im Heiligen Land für einige Tage im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Im Tross des Kirchenoberhauptes befinden sich mehr als 2000 Journalisten. Den Jugendgottesdienst auf dem Berg der Seligpreisungen am See Genezareth, auf dem Jesus seine Bergpredigt gehalten haben soll, werden nach israelischen Schätzungen am Freitag weltweit mehr als eine Milliarde Menschen live am Bildschirm mitverfolgen. Dennoch sind die etwa 160 000 vor Ort ansässigen Christen nur eine kleine Randgruppe, die kaum mehr als zwei Prozent der Bevölkerung ausmacht. 110 000 leben in Israel, überwiegend in Galiläa. 50 000 wohnen in den Autonomiegebieten. Im Gazastreifen und in dem Gebiet um Nablus ist die Zahl der Christen praktisch gleich Null. Nur in Bethlehem und dem Umkreis von Ramallah stellen sie teilweise noch ein Drittel der Bewohner - und zwar mit fallender Tendenz.

Denn immer mehr Christen wandern aus, weil sie für sich keine Zukunft mehr sehen; besser gebildet und wohlhabender als die Mehrheit ihrer muslimischen Mitbürger kehren sie ihrer Heimat entnervt den Rücken. Manche palästinensische Gemeinde in Kanada, Australien oder Südamerika ist inzwischen größer als die in Jerusalem oder Bethlehem. Charakteristisch für diesen Exodus ist die Situation in Jerusalem: Vor der Staatsgründung Israels lebten hier rund 30 000 Christen unter 200 000 Einwohnern. Ein halbes Jahrhundert später sind es noch 10 000 Christen unter 600 000 Einwohnern. Eines Tages werde man sich fragen, "ob Jesus wirklich hier war, wenn keine Menschen mehr hier vor Ort präsent sind, die an ihn glauben", befürchtet das Oberhaupt der melkitischen Katholiken, Erzbischof Lufti Laham. "Dann wird das Heilige Land für die Christen zu einem Museum."

Insgesamt 30 christliche Gruppierungen sind im Heiligen Land präsent, die fast das gesamte religiöse Spektrum abdecken. Zu den größeren Kirchen zählen die Katholiken, die Griechisch-Katholischen, die Griechisch-Orthodoxen und die Protestanten. Dagegen haben Kopten, Äthiopier, syrisch-orthodoxe Christen nur kleine, vom Verschwinden bedrohte Gemeinden.

Zur Schlüsselfigur dieser nahöstlichen Christenvielfalt hat sich im letzten Jahrzehnt der lateinische Patriarch von Jerusalem entwickelt. Der seit den Kreuzzügen verwaiste Bischofssitz war 1847 von Rom wiedererrichtet und seitdem ununterbrochen mit Italienern besetzt worden. Erst 1988 kam die Wende. Johannes Paul II. weihte mit Michael Sabbah zum ersten Male einen einheimischen, palästinensischen Kleriker zum Oberhirten von Jerusalem. Damals - zu Zeiten der Intifada - eine mutige und weittragende Entscheidung. Seither hat der 66-Jährige der Kirche der Palästinenser zu neuem theologischen und pastoralem Selbstbewußtsein verholfen, auch weil er selbst das Schicksal der palästinesischen Christen verkörpert. 1933 in Nazareth geboren, befand Sabbah sich 1948, als der Staat Israel gegründet wurde, auf jordanischem Gebiet und erhielt einen jordanischen Paß. 19 Jahre später, während des Sechstagekrieges, war er in Jerusalem und wurde fortan Besitzer einer israelischen Identitätskarte.

Sabbah, der in Beirut und an der Pariser Sorbonne studierte, nahm von Anfang an kein Blatt vor den Mund. Bereits in seinem ersten Hirtenbrief von 1990 forderte er Menschenwürde und Gerechtigkeit für die Palästinenser. In seiner jüngsten Weihnachtsbotschaft erinnerte er an das Unrecht gegenüber den palästinensischen Flüchtlingen und verlangte die Freilassung aller politischen Gefangenen - der in israelischen und der in palästinensischen Gefängnissen. Vielen auf israelischer Seite ist der aus Galiläa stammende Erzbischof ein Dorn im Auge, weil "zu politisch". Die beiden Oberrabbiner Israels brauchten zehn Jahre, bis sie mit Sabbah zum ersten Male offiziell zusammenkamen. Aber auch Regierungschef Barak verweigert, ungeachtet mehrfacher Anfragen des Patriarchen, bislang ein Treffen mit dem palästinensischen Kirchenmann.

Dagegen haben die christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land seit der Amtsübernahme Sabbahs ihr Verhältnis untereinander nachhaltig verbessert. Seit Anfang der neunziger Jahre kommen die Kirchenführer auf Betreiben des rührigen Patriarchen regelmäßig zusammen. Eine Reihe gemeinsamer Dokumente haben sie mittlerweile veröffentlicht. 1994 forderten sie, Jerusalem solle zur "Hauptstadt der Menschlichkeit" erklärt werden und ein besonderes rechtliches und politisches Statut erhalten. Zusammen mit dem Vatikan pochen die Christen auf internationale Garantien für die Stadt. Den jüdischen Anspruch, Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt Israels zu besitzen, weisen sie zurück. Aber auch beim Protest gegen islamische Fundamentalisten in Nazareth zeigten sich die christlichen Oberhäupter überraschend einig. Radikale Muslime halten nahe der Verkündigungskirche mit Gewalt einen Platz besetzt, um dort eine Moschee zu bauen. Der Streit eskalierte, es kam zu Zusammenstößen in der Stadt. Um die Lage zu beruhigen, genehmigten die israelischen Behörden schließlich die geforderte Moschee. Die Christen reagierten empört, Rom protestierte. Sein Vertrauen in den Staat Israel sei "erschüttert", erklärte Patriarch Sabbah. Einmal mehr wurde den Christen im Heiligen Land ihre fragile politische Lage als Minderheit zwischen Juden und Muslimen drastisch vor Augen geführt.

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