Politik : Behörden: Terroristen zielen auch auf Deutschland

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Bonn. Das Terrornetzwerk Al Qaida von Osama bin Laden organisiert sich offenbar neu. Weltweit sei der „Aufwuchs weitgehend unabhängiger lokaler und regionaler terroristischer Zellen“ zu erwarten, sagte der Leiter der Abteilung „Internationaler Terrorismus“ im Bundesnachrichtendienst (BND), Hans J. Beth, beim 5. Europäischen Polizeikongress in Bonn. Diese seien dann nicht mehr auf bin Laden angewiesen. Auch diese „neue“ Al Qaida könne mit dem Zulauf islamistischer Extremisten rechnen. Sie sähen sich angesichts der „anhaltenden, vermeintlich den Islam missachtenden und bedrohenden Konflikte, insbesondere im Nahen Osten“, in ihrer Gewaltbereitschaft bestätigt und stärkten das Rekrutierungspotenzial von Al Qaida, sagte der BND-Experte.

Der Anschlag auf der Ferieninsel Djerba ist für den BND ein weiteres Indiz, dass bei Al Qaida ein „zumindest temporärer Strategiewechsel“ im Gange ist. Um nach der Zerstörung der Basen in Afghanistan weiterhin terroristisch aktiv bleiben zu können, setze die Organisation nun auf „Aktionen geringerer Komplexität“, sagte Beth. Dazu zählen offenbar auch Anschläge mit „schmutzigen“ Atombomben. Es sei „sehr gut möglich“, dass Al Qaida über radioaktive Abfälle verfüge. Beth betonte, die Wirkung einer „schmutzigen“ Nuklearwaffe sei nicht mit der einer richtigen Atombombe zu vergleichen. Dennoch befürchtet der BND bei einem solchen Anschlag einen enormen Schock in der Bevölkerung.

Beth dämpfte die Sorge, Al Qaida könne vom Irak oder anderen Staaten atomare, biologische oder chemische Kampfstoffe erhalten haben. Dazu gebe es „keine belastbaren Informationen“. Nicht nur bei Al Qaida, sondern im Terrorismus überhaupt seien „Eigenentwicklung“ und Besitz von Atombomben auszuschließen. Dennoch sei der Einsatz von Massenvernichtungsmitteln im Umfeld bin Ladens erwogen worden. Vorbild sei die japanische Aum-Sekte. Deren Anhänger hatten 1995 bei einem Anschlag auf die Tokyoter U-Bahn das Nervengas Sarin eingesetzt.

Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Heinz Fromm, sagte ebenfalls, es sei nicht auszuschließen, dass es in Deutschland zu „gewalttätigen Aktionen“ kommen könnte, wenn sich die Perspektiven in Nahost aus palästinensischer Sicht weiter verschlechterten und dafür die europäischen Staaten verantwortlich gemacht würden.

Der aktuelle Nahost-Konflikt bestätigt laut den Behörden islamistische Extremisten in ihrer Gewaltbereitschaft. Eine Radikalisierung unter Palästinensern in Deutschland sei zwar nicht erkennbar. „Gleichwohl gibt es Hinweise auf eine deutliche Emotionalisierung vor allem unter palästinensischen Jugendlichen“, sagte Fromm. Wie in Frankreich und Belgien wachse unorganisiertes Potenzial heran, das ohne Vorwarnzeit gewalttätig werden könnte. Auch hätten Durchsuchungen ergeben, dass die palästinensisch-jordanische Gruppe Al Tawhid Anschläge gegen jüdische Einrichtungen in Deutschland geplant habe. Frank Jansen

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