• Bei der entscheidenden Runde der Präsidentenwahlen darf sich Amtsinhaber Leonid Kutschma seiner Sache sicher sein

Politik : Bei der entscheidenden Runde der Präsidentenwahlen darf sich Amtsinhaber Leonid Kutschma seiner Sache sicher sein

Elke Windisch

"Ich bitte Sie inständig: Geben Sie Ihre Stimme dem ehrlichen und anständigen Kandidaten - Pjotr Simonenko" traktiert eine Frau per Megafon Passanten auf dem Kreschtschatik, der Prachtstraße Kiews. Simoneko, 47, Chef der ukrainischen KP, ist bei der Stichwahl am Sonntag Herausforderer von Amtsinhaber Leonid Kutschma, 61. Dessen Anhänger lassen sich von dem Getöse nicht beirren und kleben weiter fleißig Plakate. Grund zur Besorgnis besteht in der Tat wenig: An den ersehnten Machtwechsel glauben selbst in den Reihen der Kommunisten nur unverbesserliche Optimisten.

Für Kutschma stimmten beim ersten Wahlgang am 31. Oktober 37 Prozent, für Simonenko ganze 22. Zwar hat der ukrainische Oberkommunist sich inzwischen der Unterstützung durch die Verlierer der ersten Runde aus dem linken Lager versichert: Alexander Moros, der Führer der Sozialistischen Partei und ehemalige Parlamentschef, hat jene zwölf Prozent der Bevölkerung, die für ihn votierten, aufgerufen, beim zweiten Wahlgang ihre Stimme für Simonenko abzugeben. Ebenso die umstrittene Natalja Witrenko, die einzige Frau unter den insgesamt 13 Bewerbern, die vor zwei Wochen neun Prozent einfuhr. Sie erreichte ihren Stimmenanteil vor allem unter Rentnern und den ethnischen Russen, die in der Ost-Ukraine in manchen Gebieten mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Ersteren versprach sie einen Wohlfahrtsstaat nach skandinavischem Muster, letzteren die Wiederannäherung an Russland und die atomare Wiederbewaffnung der Ukraine - was ihr bei Gegnern den Spitznamen "ukrainischer Schirinowski im Rock" eintrug. Doch selbst, wenn das Wahlvolk der beiden Kandidaten diszipliniert dem Aufruf seiner Führer folgt, kann Simonenko bestenfalls mit 42 Prozent rechnen. Er steht also auf verlorenem Posten, zumal Präsident Kutschma auch bei der Stichwahl ein Konzept verfolgt, das ihm bereits im ersten Wahlgang unerwartet hohe Zustimmung einbrachte. Die Strategie war von den ungeliebten Moskowitern abgekupfert: Dass Boris Jelzin 1996 souverän wieder gewählt wurde, verdankt er vor allem der Tatsache, dass ihm bei der Stichwahl KP-Chef Gennadij Sjuganow gegenüberstand. Angesichts der drohenden roten Revanche stimmten damals viele eher gegen Sjuganow als für Jelzin. Auch Kutschma verkauft sich vor allem als Verhinderer eines kommunistischen Rollbacks: "Wenn Sie wieder nach stinkender Wurst für 2,20 Rubel Schlange stehen wollen, dann geben sie ihre Stimme der Linken" steht auf dem am häufigsten geklebten Plakat der Truppe Kutschmas.

Buchstäblich in letzter Minute bekam er zudem Verstärkung durch den Fünftplatzierten - Ex-Premier Jewgenij Martschuk, hinter dem das Militär sowie einflussreiche Banker und Unternehmer stehen. Meist kommen sie aus dem gleichen Stall wie Martschuk selbst, dem ukrainischen Geheimdienst SBU. Ihm stand der Ex-KGB-Mann Martschuk drei Jahre vor, um dann Premier zu werden. Zwar konnte er sich nur ein Jahr halten, nutzte die Zeit jedoch, um seine ehemaligen Kameraden zu versorgen. Deren Unterstützung zählt weit mehr als die acht Prozent, die Martschuk im ersten Wahlgang für sich verbuchen konnte. Das hat auch Kutschma erkannt, der den Überläufer zum Sekretär des nationalen Sicherheitsrates machte und ihm in der neuen Regierung zudem das Amt des Verteidigungsministers anbieten will.

Als sichere Bank für Kutschma gilt auch die West-Ukraine. In den erst 1939 nach dem Ribbentrop-Molotow-Pakt mit der Sowjetunion zwangsvereinigten Landesteilen siegte bei bisherigen Wahlen die nationalistische Ruch-Bewegung und deren charismatischer Chef Wjatscheslaw Tschernowil. Der kam jedoch im vergangenen Jahr bei einem Autounfall uns Leben. Kurz drauf spaltete sich die Partei und versank in die politische Bedeutungslosigkeit.

Trotz der massiven Unterstützung der Medien, die Präsident Kutschma fest im Griff hat, bleibt ein gewisser Unsicherheitsfaktor: Die Wahlbeteiligung. Hundertprozentig Verlass ist in allen ehemaligen Sowjetrepubliken nur auf die an Wahlzwang gewöhnten Rentner. Deren Herz aber schlägt erfahrungsgemäß links. Für Kutschma war dies ein Grund, noch in letzter Minute den Slogan zu ändern: "Lasst das Herz abstimmen", forderte der ursprüngliche Text. "Geh wählen, oder du verspielst deine Zukunft" heißt es nun.

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