Politik : Beisetzung des algerischen FIS-Führers Hachani verläuft friedlich

Clemens Altmann

Die Menschen in Algier frösteln. Seit einer Woche regnet, hagelt und schneit es beinahe ununterbrochen. Die Temperaturen sind nicht mehr weit vom Gefrierpunkt entfernt. Aber nicht nur das Wetter verbreitet Unbehagen und läßt die Einwohner schneller ihren Wohnungen zustreben; auch die Angst ist zurück. Die Angst vor Attentaten, deren Urheber im Dunkeln bleiben. Lange Zeit war die Frage "Wer tötet wen in Algerien?" aus dem Wortschatz der Politiker und Journalisten im In- und Ausland verschwunden. Zu klar lag die Antwort auf der Hand: Die Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) natürlich, die blutrünstigen Handlanger eines politisierten Islam im Interesse der Errichtung eines "Islamischen Staates".

Zwei Attentate innerhalb von drei Tagen haben die Zweifel an den Hintermännern der nun schon seit 1992 anhaltenden Gewalt wieder aufleben lassen. Zuerst wurden am Sonnabend mindestens 19 Menschen auf einer Nationalstraße die Kehlen durchgeschnitten und dann am Montag Abdelkader Hachani, der drittwichtigste Mann der verbotenen Fundamentalistenpartei Islamische Heilsfront (FIS), vor einer Zahnarzt-Praxis im Algierer Zentrum erschossen. Das eine Attentat erfolgte im Abstand von 500 Metern von einer Straßensperre der Armee, das andere nur 100 Meter von der Generaldirektion der algerischen Polizei entfernt.

Etwa 5000 Menschen folgten am Dienstagnachmittag dem mit der algerischen Staatsflagge abgedeckten Sarg Hachanis auf seinem letzten Weg. Seit den großen FIS-Demonstrationen 1991 hatte man in Algier nicht mehr so viele Bärtige auf einem Platz gesehen - und es wären weit mehr gewesen, hätte die FIS nicht zur Ruhe aufgerufen und nur die engsten Freunde und Mitstreiter zum Ehrengeleit zugelassen. Der Trauerzug vom Wohnhaus des Ermordeten zum Friedhof verlief ohne Zwischenfälle. Die Sicherheitskräfte hatten den etwa vier Kilometer langen Weg für den Autoverkehr gesperrt sowie den Friedhof hermetisch abgeriegelt. Auf den Dächern der umliegenden Häuser waren Polizisten in Position gegangen, um auf Zwischenfälle reagieren zu können. Auf dem Friedhof El-Kettar waren fast so viele Sicherheitsleute wie Trauernde.

Die Lage des Friedhofes hat etwas Symbolhaftes: Er trennt das überbevölkerte, von Armut, Arbeitslosigkeit und Misere gekennzeichnete Viertel "Climat de France" - auch heute noch eine Hochburg der FIS - vom höher gelegenen, ausgedehnten Areal des Verteidigungsministeriums mit seinen Generälen, diese wahre Macht in Algerien verkörpern. Die letzte Ruhestätte Hachanis befindet sich also genau dort, wo ihn seine politische Laufbahn auch hingeführt hatte: in die Mitte der Auseinandersetzungen zwischen denen, die das "System" ändern, und jenen, die es bewahren wollen. Dabei war dem Sohn eines berühmten Freiheitskämpfers gegen die französische Kolonialherrschaft, dem seine Mitstreiter ein "geniales Organisationstalent" bescheinigten, jedes Mittel Recht, wenn es nur zum "Kalifat" und damit zur Auslöschung der herrschenden Kaste führte. Der gewiefte Taktierer nutzte die demokratischen Spielregeln, um die FIS bei den Wahlen 1991 siegen zu lassen und später, nach seiner Entlassung aus sechjähriger Haft, die bewaffneten Gruppen als Faustpfand für Verhandlungen. Sein Tod beraubt die islamistische Bewegung Algeriens des wahrscheinlich einzigen fähigen Unterhändlers mit den Machthabern.

Gleichgültig, wer hinter den Attentaten steckt - einen oder mehrere Mörder zu dingen, es ist in Algerien leicht, denn nach sieben Mordjahren gibt es genug Männer und Frauen mit einschlägigen Erfahrungen - sind sie für Präsident Abdelaziz Bouteflika Schläge ins Gesicht. Seine Politik der verordneten Aussöhnung der Algerier untereinander hat damit einenRückschlag erlitten, der kaum zu verkraften sein wird. Es wäre müßig, die Gegner seiner Gnadenerlasse für Mitglieder islamistischer Terrorbanden nur im harten Kern der religiösen Eiferer zu suchen. Die Feinde der Aussöhnng sitzen auch mit Bouteflika an einem Tisch und torpedieren hinter seinem Rücken alle Anstrengungen, die Lage in Algerien zu normalisieren.

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