Benjamin Netanjahu setzt auf Hillary Clinton : Israel - Land im Umbruch

Der Staat Israel ist im Wandel. Sicherheit ist für jedes politisches Lager wichtig und Premier Benjamin Netanjahu hat noch viel vor. Eine Betrachtung.

von
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.Foto: dpa

Israel heute - ein Staat im Übergang. Die nächste Generation, die der Jungen, drängt erkennbar nach vorn. Das sind diejenigen, die ins Ausland gehen, gut ausgebildet werden und dann zurückkehren, aus Berlin, aus dem Silicon Valley, aus den Teilen der Welt, in denen sich alles das lernen lässt, was für das Israel von morgen von existenzieller Bedeutung ist. Junge Menschen, die ihren Dienst für Ihr Land leisten, das Land ihrer Vorväter.

So viele sind aus der vormaligen Sowjetunion, mehr als eine Million, aber auch viele aus Afrika, aus Äthiopien, eingewandert, die heute das Bild des neuen Israel prägen. Und da ist sie, die Verbindung zu Deutschland, zur neuen deutschen demokratischen Republik: Seit den 90er Jahren ist der Weg für viele offen gewesen, war Israel offen für sie - und hat sie integriert. Ein Vorbild in diesen Zeiten für Deutschland, das, 80 Millionen Menschen stark, über die Integration von einer Million Menschen rechtet. Israel hat das seit Anfang der Neunzigerjahre hinter sich, Israel, wo gut neun Millionen leben, davon 7,2 Millionen Juden.

Sicherheit ist für alle wichtig - egal, ob links oder rechts

Israel im Übergang und Umbruch: Es ist kein Streit mehr zwischen Links und Rechts im Land, wie ihm am besten zu dienen wäre. Nicht mehr. Alle geben der Sicherheit den Vorrang. Sogar die Linke um Jitzchak Herzog kann sich dem Gefühl, ja Lebensgefühl nicht entziehen. Die Menschen auf den Straßen stellen die einfachen Fragen: Kann ich denen, mit denen wir Verträge schließen wollen, vertrauen? Werden sie sich daran halten, die Palästinenser, die Iraner auch? Das sind die Fragen, die die Menschen bewegen. Und sie in Bewegung bringen: So viele, 85 Prozent der jüngeren Generation, stellen ihre Zeit im Wehrdienst nicht infrage. Mehr noch, auf eine Stelle bei der israelischen Infanterie kommen inzwischen 200 Bewerbungen.

Die Zeiten, da Benjamin Netanjahu als alleiniger Scharfmacher galt, als der, der als einziger das lebenswichtige Verhältnis zu den USA belastet, ist auch vorbei. Ja, der Premier hat nicht wirklich gute Beziehungen zu Barack Obama aufgebaut -  aber der umgekehrt auch nicht. Was die Israelis sehen, sehen arabische Staaten nicht weniger kritisch; dort hat der scheidende Präsident seit dem Syrien-Fiasko seinen Kredit nach der Kairoer Rede verspielt. Netanjahu und mit ihm die gesamte politische Klasse in Israel setzt heute auf die Zeit nach Obama. Sie setzt auf Hillary Clinton, deren Schwiegersohn jüdisch ist, ersatzweise auf Donald Trump, dessen Sympathien eindeutig auf Seiten Israels liegen. Er soll ja sogar Hilfe von jüdischer Seite beim Verfassen seiner Grundsatzrede zur Außenpolitik erhalten haben.

Netanjahu hat noch viel vor

Der Chauvinismus des Bibi - er wird schon noch debattiert, aber vor dem Hintergrund seiner Begabung, sich Mehrheiten zu sichern: in der Knesset für schwierige Abstimmungen, in der Bevölkerung für Wahlen. Nach zwei Legislaturperioden nach Hause zu gehen wie beispielsweise Obama - für den Premier ist das keine Marschroute, der er folgen wollte. Zu viel hat er augenscheinlich noch vor.

Alles ist ihm zuzutrauen, und auch das Gegenteil - das klingt nur böse, ist es aber nicht. Denn ein Abkommen wie weiland von Menachem Begin mit den Ägyptern, geschlossen mit nur einer Stimme Mehrheit in der Knesset, würde auch Netanjahu wagen. Was dem aktuell entspräche? Die Zweistaatenlösung mit den Palästinensern -  wenn die dafür nur endlich das Existenzrecht Israels anerkennen wollten, öffentlich, offiziell. Eben gerade, weil dieser Premier als so schwierig gilt, als so abwehrend, könnte er eine Zweistaatenlösung der Bevölkerung vermitteln. Und er würde es tun.

Netanjahu lässt ja schon einiges im Hintergrund zu, worüber die Welt, schon gar die arabische, nicht spricht. Dass Mahmud Abbas sich auf ihn verlassen kann, wenn es um das Wohlergehen seiner Familie geht, um medizinische Hilfe - wer weiß das schon, redet darüber. Netanjahu nicht. Oder dass Israel Palästinenser kostenfrei mit Gas, Wasser, Strom versorgt - wer würde das zugeben. Eher wird es dementiert, weil es nicht ins Bild, ins Weltbild passt, dem einen wie dem anderen, den Reaktionären beider Seiten. 

Israel im Übergang, im Umbruch: die Kräfte der Gestaltung wachsen heran. Ob es eine Neugestaltung wird? "Leicht ist man entschlossen, Findet man Genossen, Erst auf sich gestellt, Zeiget sich der Held", lautet eine jüdische Weisheit.

Stephan-Andreas Casdorff ist diese Woche in Israel, führt dort Gespräche mit Politikern und absolviert mit anderen Journalisten-Kollegen ein Seminar in Yad Vashem. Eindrücke zur politischen Situation schildert er in diesen Tagen auch in seiner Kolumne "Casdorffs Agenda", die jeden Morgen in der Morgenlage erscheint, dem Newsletter für Politik- und Wirtschaftsentscheider, den sie hier kostenlos abonnieren können.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

12 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben