Politik : Berlin darf nicht verlieren

Von Moritz Döbler

Lamentieren hilft nicht weiter. Nie. Auch nicht im Fall Schering. Doch dieses Unternehmen ist außerordentlich bedeutsam für die Hauptstadt mit ihren vielen Wunden. Die eben keine Hauptstadt der Wirtschaft mehr ist. Auch Siemens und die Deutsche Bank hatten ihre Ursprünge hier und sitzen heute in München und Frankfurt am Main. In Westdeutschland, wie es früher hieß.

Zwar beschäftigen diese beiden deutschen Unternehmen in Berlin viele tausend Mitarbeiter, doch von den 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen ist Schering das einzige mit Sitz an der Spree. Dass Deutschland als die Apotheke der Welt gilt, hat auch mit der „Grünen Apotheke“ zu tun, die Ernst Schering im Jahr 1851 in der Chausseestraße im Norden Berlins gründete.

Ein Weltkonzern entstand daraus – und zwar einer, der seiner Heimatstadt treu blieb.

Nun droht ihm die Übernahme durch den Konkurrenten Merck. Nein, Heuschrecken sind in dessen Darmstädter Zentrale wahrlich nicht am Werk, und man kann durchaus mit gutem Grund für die Formierung eines nationalen Champions sein. Denn selbst wenn hier zwei deutsche Unternehmen miteinander ringen, selbst wenn diese Übernahmeschlacht eben nicht grenzüberschreitend wie so viele andere Beispiele der jüngsten Zeit verläuft, so geht es doch um Globalisierung – um die richtige Betriebsgröße in globalen Märkten.

15 Milliarden Euro und vielleicht noch etwas mehr werden von Merck am Ende zu zahlen und zu finanzieren sein, wenn es so kommt. Wie Berlin als Standort unter der Übernahme leidet, wird in Darmstadt keine zentrale Rolle spielen können. Und es ist richtig, dass der Berliner Senat diesen Deal nicht verhindern können wird. Das darf aber nicht bedeuten, dass die Verantwortlichen der Stadt die Hände in den Schoß legen. Kann man erreichen, dass Konzernteile weiter in Berlin Steuern zahlen? Dass jeder der rund 6000 Arbeitsplätze erhalten bleibt? Gar, dass der Konzernsitz ganz nach Berlin kommt? Kann man Merck locken?

Von Hamburg lernen heißt siegen lernen. Fast wäre es der Hansestadt gelungen, Berlin sein anderes großes Unternehmen, die Deutsche Bahn, abzuluchsen. Dass deren Konzernsitz nun nicht verlegt wird, geht jedoch weniger auf das erfolgreiche Wirken des Berliner Senats, sondern auf die Bundesregierung als Eigentümerin des Unternehmens zurück.

Im Fall Schering wird Bundeskanzlerin Angela Merkel nichts retten wollen und können. Es wäre auch ein verfehlter Eingriff in den Markt. Aber der Berliner Senat mit Klaus Wowereit an der Spitze muss agieren. Er sei mit beiden Unternehmen im Gespräch, sagt er – das ist ein guter Anfang. Wie wäre es mit einer Task Force im Roten Rathaus? Es gibt einige erfahrene Bankiers und Unternehmer in der Stadt, die sicher manchen klugen Gedanken entwickeln könnten, wenn man sie riefe.

Denn es geht es bei Schering wirklich um den Kern, um die Substanz der Berliner Wirtschaft. Nicht zuletzt aus dem Rang dieses Unternehmens speist sich die Hoffnung der Stadt, wenigstens in der Gesundheitswirtschaft mehr als Provinz zu sein. Das ist die Branche der Zukunft in einer Welt, in der die Menschen älter werden und Krankheiten global ausbrechen. So schön die roten Teppiche strahlen, so rauschend die Feste auch sind, nur mit Show-Geschäft und Touristen wird das nichts in Berlin. Soll die Hauptstadt denn auf ewig Schlusslicht bei den Wirtschaftsdaten sein – aber ganz vorn beim Lamentieren?

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