Politik : Berlin schließt Botschaft im Jemen

Blutiger Machtkampf in Sanaa – Saudi-Arabien vermittelt Waffenruhe

Früher Seite an Seite, heute Feinde: Der Stamm von Scheich Sadek el Ahmar (li.) und seinem Bruder Hamid (re.) kämpft gegen Jemens Staatschef Ali Abdallah Saleh. Das Foto zeigt die Brüder bei der Beerdigung ihres Vaters im Jahr 2007. Foto: Khaled Fazaa/AFP
Früher Seite an Seite, heute Feinde: Der Stamm von Scheich Sadek el Ahmar (li.) und seinem Bruder Hamid (re.) kämpft gegen Jemens...Foto: AFP

Berlin/Sanaa - Der Jemen steht zwischen Chaos, Bürgerkrieg und neuer Hoffnung: Wegen einer schweren Verletzung nach einem Anschlag muss sich der umstrittene Präsident Ali Abdallah Saleh in Saudi-Arabien offenbar einer Notoperation unterziehen. Völlig unklar ist, ob es Saleh während seiner Abwesenheit und Behandlung im Ausland gelingen wird, die Macht im eigenen Land zu verteidigen. Die Opposition fordert seit Monaten mit Massendemonstrationen den Rücktritt des bereits seit 1978 herrschenden Präsidenten.

Der blutige Machtkampf zwischen Saleh und einflussreichen Gegnern aus seinem eigenen Haschid-Stamm war in den letzten Tagen eskaliert. Nach dem Anschlag vom Freitag hatten Gefolgsleute des Präsidenten Granaten auf das Haus des Oppositionspolitikers Hamid el Ahmar abgefeuert. Dabei seien mindestens 18 Personen getötet worden, teilte die Nachrichtenwebsite News Yemen am Samstag mit. Angesichts der ausufernden Gewalt in dem Stammeskrieg hat das saudische Königshaus nach Angaben des arabischen Fernsehsenders Al-Arabija eine einwöchige Waffenruhe vermittelt. Zuvor hatten weitere Staaten ihre Diplomaten aus der hart umkämpften Hauptstadt Sanaa abgezogen. Auch Deutschland schloss vorübergehend seine Botschaft.

Außenminister Guido Westerwelle forderte am Samstag die rund 30 noch im Jemen verbliebenen Deutschen auf, sich in Sicherheit zu bringen. Die Bundesregierung folgte damit anderen Staaten. Auch Großbritannien appellierte an seine Bürger, den Jemen umgehend zu verlassen. Westerwelle forderte während eines Besuchs in Vietnam den seit mehr als drei Jahrzehnten amtierenden Präsidenten erneut auf, die Macht abzugeben. Saleh habe die „Verantwortung gegenüber seinem Land“ bedauerlicherweise nicht wahrgenommen. „Er hätte auf einen Dialog setzen müssen, so lange noch Zeit war.“ Jetzt drohe immer mehr die Gefahr eines Bürgerkriegs. Die EU-Außenbeauftragte Cathrine Ashton verlangte einen sofortigen Waffenstillstand. Regierungstruppen und Stammesmilizen sollten sich zurückhalten und die „Eskalation der Gewalt“ beenden, sagte Ashton in Brüssel. Die USA verurteilten die „sinnlose Gewalt“ in dem vom Terror heimgesuchten Armenhaus der arabischen Halbinsel.

In den vergangenen Wochen war der seit langem schwelende Machtkampf zwischen dem 69 Jahre alten Saleh und der rivalisierenden El Ahmar-Familie immer heftiger entbrannt. Scheich Sadek el Ahmar ist Oberhaupt des Haschid-Stammes, dem auch die Präsidentenfamilie angehört. Scheich Hamid el Ahmar, ein Bruder des Stammesführers, ist ein vermögender Geschäftsmann. Die El-Ahmar-Familie wehrt sich unter anderem gegen die Absicht von Saleh, seinem ältesten Sohn Ahmed die Macht im Land zu übergeben. Der ist Kommandeur der Republikanischen Garde und damit eine der wichtigsten Machtstützen seines Vaters. Dagegen unterstützen die El-Ahmars die Opposition, die seit Jahresbeginn Präsident Saleh mit Massenprotesten zum Rücktritt zwingen will. dpa

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