Berlin wird Gesundheits-Pilotregion : AOK plant digitale Vernetzung

Bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens geht die AOK nun eigene Wege. Zum Jahreswechsel will die Kasse in Berlin erstmals Patienten mit Arztpraxen und Kliniken vernetzen.

Zugriff auf wichtige Gesundheitsdaten. Für ihre Versicherten in Berlin startet die AOK zum Jahreswechsel ein digitales Netzwerk.
Zugriff auf wichtige Gesundheitsdaten. Für ihre Versicherten in Berlin startet die AOK zum Jahreswechsel ein digitales Netzwerk.Foto: Fredrik von Erichsen/dpa

Da es mit der digitalen Vernetzung des Gesundheitswesens trotz vielfacher politischer Versprechen nicht vorangeht, beginnen die Krankenkassen damit nun auf eigene Faust. Am Dienstag kündigte die AOK an, ein Netzwerk zum Datenaustausch zwischen Patienten, niedergelassenen Ärzten und Kliniken zu starten. Als Pilotregionen fungieren Mecklenburg-Vorpommern und Berlin.

Ziel ist ein bundesweites Angebot

Bei dem Projekt geht es um eine sogenannte digitale Akte, mit der sich sektorenübergreifend jederzeit auf medizinische Informationen und Dokumente zugreifen lässt. Durch die neuen Möglichkeiten des Datenaustausches ließen sich beispielsweise unnötige Doppeluntersuchungen verhindern und die Sicherheit beim Verordnen von Arzneimitteln verbessern, sagte der Vorstandschef des AOK-Bundesverbands, Martin Litsch. Ziel sei ein bundesweites Angebot für die mehr als 26 Millionen AOK-Versicherten, „das regional verschieden ausgestaltet wird“.

Den Auftakt macht der Nordosten. In Mecklenburg-Vorpommern startet das AOK-Projekt Anfang November mit zwei Kliniken und dem Ärztenetz „HaffNet“. Für rund 8000 Versicherte stünden dann zunächst vier Anwendungen zur Verfügung: ein Aufnahme- und Entlassmanagement in den beteiligten Krankenhäusern, der Austausch von Dokumenten zwischen Kliniken und niedergelassenen Ärzten, die Möglichkeit zum Hochladen eigener medizinischer Dokumente wie Organspendeausweis oder Mutterpass sowie die Option, die eigene Akte durch selbst erhobene Vitaldaten und Messwerte zu ergänzen.

In Berlin beteiligen sich Sana- und Vivantes-Kliniken

Zum Jahreswechsel ist dann Berlin an der Reihe - mit der drittgrößten privaten Klinikgruppe Sana Kliniken AG und Deutschlands größtem kommunalen Krankenhauskonzern Vivantes. Beteiligt sind hier neun Kliniken und 13 Medizinische Versorgungszentren von Vivantes sowie das Sana-Klinikum Lichtenberg. Zusammen versorgen diese Anbieter pro Jahr rund 114.000 AOK-Versicherte.

Konzipiert ist das Netzwerk als offene Plattform. Die AOK will es schrittweise auch allen anderen Akteuren des Gesundheitswesens zur Verfügung stellen – weitere Krankenkassen inklusive. Vor Datendiebstahl schütze eine dezentrale Struktur, erklärte Projektleiter Christian Klose. „Die Daten bleiben beim Arzt oder bei der Klinik, wo sie erhoben wurden“, sagte er. Die AOK habe keinen Zugriff auf die Gesundheitsdaten. Zudem könnten die Patienten selbst entscheiden, welcher Arzt welche Informationen und Dokumente in der Akte einsehen darf.

Dezentrale Lösungen statt Gematik-Strukturen

„Die Zeit ist reif für solche Angebote“, findet der AOK-Chef. Aus seiner Sicht sind die Entscheidungsstrukturen in der eigens gegründeten Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik) gescheitert. Die Vorteile, die eine Vernetzung im Gesundheitswesen bringen könne, würden „durch diese nicht funktionierenden Strukturen immer wieder konterkariert“, sagte Litsch.

Um die Blockaden aufzulösen, müsse man weg von der gemeinsamen Gematik-Selbstverwaltung hin zu einer unabhängigen Institution, von der „Leitplanken“ für die digitale Entwicklung festzulegen seien. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen sollten die Einzelakteure dann dezentrale Lösungen entwickeln können.

Vier von fünf Versicherten finden digitale Patientenakten sinnvoll

Unter den Versicherten stoße die Idee jedenfalls auf enorme Akzeptanz, betonte der Kassenfunktionär. Einer repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag des Bundesverbands zufolge finden es 82 Prozent sinnvoll, medizinische Daten in einer digitalen Akte zu speichern und Ärzten so Einblick in den Gesundheitszustand ihrer Patienten zu ermöglichen. Und 78 Prozent der Befragten erklärten sich willens, eine solche Zugriffsmöglichkeit auf ihre Daten auch selber zu nutzen.

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