Berlusconi : Papi und die vierzig Mädchen

Italiens Premier Berlusconi verstrickt sich in der Affäre um seine Bekanntschaft mit einer 18-Jährigen in neue Widersprüche.

Dominik Straub[Rom]
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Noemi Letizia. -Foto: dpa

Es hat eine Weile gedauert, bis Italiens Opposition ihre Beißhemmung gegenüber dem allmächtigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi abgelegt hat – dafür ist der Chor der Kritiker nun umso vielstimmiger und der Ton umso schärfer. „Der Premier lügt, in der Politik wie im Privaten“, erklärte am Wochenende Ex- Außenminister Massimo D’Alema in der Affäre um Berlusconis unklares Verhältnis zu einer 18-Jährigen.

Die Partei „Italien der Werte“ von Ex-Staatsanwalt Antonio Di Pietro will den Regierungschef mit einem Misstrauensantrag dazu zwingen, im Parlament zum „Fall Noemi“ Rechenschaft abzulegen, während Emma Bonnino, Wortführerin der Radikalen Partei, bereits laut über die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission nachdenkt.

Angesichts der überwältigenden Mehrheit seiner Mitte-rechts-Koalition in beiden Parlamentskammern muss sich Berlusconi zwar weder vor einem Misstrauensvotum noch vor einer Untersuchungskommission fürchten. Dennoch ist klar: Der Besuch des 72-jährigen Berlusconi beim Geburtstagsfest der 18-jährigen Noemi Letizia, die ihn liebevoll „Papi“ zu nennen pflegt, hat sich von einem Scheidungsgrund für seine Noch-Gattin Veronica längst zur veritablen Staatsaffäre ausgewachsen.

Druck macht insbesondere die linksliberale Zeitung „La Repubblica“, die täglich neue Enthüllungen über die „Affäre Noemi“ veröffentlicht. Sollten die Berichte zutreffen, wären einige Erklärungen des Regierungschefs in Sachen Noemi in der Tat als platte Lügen entlarvt. Besonders die Behauptung Berlusconis, er habe Noemi nur dank einer alten politischen Freundschaft zu ihrem Vater kennengelernt und nie außerhalb des Familienumfelds getroffen, erscheint zunehmend unhaltbar. Am Wochenende veröffentlichte die „Repubblica“ einen Beitrag, in dem der Ex-Freund Noemis erzählt, wie es aus seiner Sicht zu der Bekanntschaft zwischen dem Premier und seiner damaligen Freundin gekommen sei. In dem Bericht behauptet der junge Mann, dass Noemi über die Neujahrsfesttage 2008 im Privatjet Berlusconis für mehrere Tage ohne ihre Eltern nach Sardinien eingeflogen worden sei, wo sich die Märchenvilla des Premiers befindet. In der Villa seien auch noch „30 bis 40 andere Mädchen“ zugegen gewesen.

Diese Darstellung ist von Berlusconi bisher nicht dementiert worden – genauso wenig wie ein anderer Bericht der „Repubblica“ von letzter Woche: Die Zeitung enthüllte, dass Noemi – ebenfalls ohne ihre Eltern – am vergangenen 19. November an einem Abendessen teilgenommen habe, zu welchem Berlusconi zahlreiche Minister sowie Vertreter der Industrie und der Modebranche geladen hatte. Der Gastgeber habe Noemi als „Tochter von guten Freuden in Neapel“ vorgestellt, die ein „Praktikum“ absolviere und bei dieser Gelegenheit die „großen Protagonisten der Mode“ kennenlernen wolle. Die damals 17-Jährige habe – in einem knappen Paillettenkleidchen – am Tisch Berlusconis gesessen. Der Regierungschef hat bisher noch keine überzeugende Verteidigungsstrategie entwickelt, mit welcher er die täglich gefährlicher werdende „Causa Noemi“ entschärfen könnte. Die bisherige Taktik, das Ganze als „Lügenkampagne der linken Medien“ zu diffamieren, lässt sich angesichts der immer offensichtlicher werdenden Widersprüche und des wachsenden politischen Drucks kaum noch aufrechterhalten.

Doch vor einem am Wochenende gegenüber einigen Lokalsendern angekündigten, freiwilligen Auftritt im Parlament scheint Berlusconi dennoch zurückzuschrecken. Dem Sender CNN erklärte er lediglich, dass er angesichts des Vorwurfs, gelogen zu haben, „exakt erklären werde, wie die Situation ist – und einmal mehr werde ich die Italiener auf meiner Seite haben“. Wo und wann diese lange erwartete Erklärung erfolgen wird, hat der „Cavaliere“ noch nicht verraten.

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