Besuch in Kenia : Wie Barack Obama zurück zu den Wurzeln kehrt

Obama besucht Afrika – und besinnt sich auf die Ziele seiner Präsidentschaft. Erfolg heißt jetzt nicht mehr, ein Ziel komplett zu erreichen, sondern ihm möglichst nahe zu kommen. Ein Kommentar.

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Barack Obama bei einem Essen mit seiner Familie in Kenia: Links seine Stiefgroßmutter Sarah, rechts Halbschwester Auma.
Barack Obama bei einem Essen mit seiner Familie in Kenia: Links seine Stiefgroßmutter Sarah, rechts Halbschwester Auma.Foto: dpa

Barack Obama sei auf dem Weg „back to the roots“, heißt es. Den Anlass gibt die mehrfach verschobene Reise nach Kenia, dem Land seines Vaters. Dabei zeigt das Programm, dass er auf Distanz zu diesem Teil seiner Familiengeschichte bedacht ist. Und doch stimmt: Obama ist „back to the roots“ in diesen Tagen, freilich mehr in den USA als in Afrika. Er knüpft an die ursprünglichen Ziele seiner Präsidentschaft an, vom erneuten Anlauf, Guantanamo zu schließen, über die Gesundheitsreform zum Kampf im Kongress um das Atomabkommen mit dem Iran und der Erneuerung der Beziehung zu Kuba; die erschöpft sich nicht in der Eröffnung von Botschaften, die will vom Abbau der Sanktionen und Anreizen zum Wagnis der Demokratisierung begleitet sein, auch gegen Widerstand der Republikaner.

Projektionen auf die abwesende Vaterfigur in Afrika

In Kenia lässt er Wünsche nach Rückkehr zu seinen afrikanischen Wurzeln kaum erkennen. Er fährt nicht nach Kogelo im Westen des Landes, wo sein 1982 verstorbener Vater im Stammesgebiet der Luo aufwuchs und noch immer eine von dessen vier Frauen lebt. Er begrenzt den Kenia-Teil seiner viertägigen Afrikareise auf anderthalb Tage in Nairobi. Dort konzentriert er sich auf die Förderung der Wirtschaft und des freien Unternehmertums. Das zeigt, wie amerikanisch dieser erste Präsident dunkler Hautfarbe geprägt ist. Ökonomischer Aufschwung soll den jungen Afrikanern Perspektiven eröffnen. Die Sehnsüchte nach einer Vermittlerrolle in Kenia, die manche schon 2007 auf ihn projiziert hatten, als der ewige Machtkampf zwischen Luo und Kikuyu nach einem zweifelhaften Wahlverlauf in Unruhen mit mehr als tausend Toten gemündet waren, weist er auch heute von sich.

Inzwischen ist offensichtlich: Was Obama 1995 in seiner frühen Autobiografie „Dreams from My Father“ schrieb – als 34-Jähriger, der gerade sein Jura-Studium in Harvard abgeschlossen hatte und den Einstieg ins Berufsleben suchte –, waren Projektionen auf eine abwesende Vaterfigur in Afrika, die die Familie verlassen hatte, als er noch ein Baby war. Projektionen, die ihm helfen sollten, den „schwarzen“ Teil seiner Identität als ein in den USA aufwachsender Afroamerikaner zu finden. Im Rückblick hat er vielleicht das falsche Buch geschrieben. Eines über die Prägungen durch seine alleinerziehende Mutter wäre noch aufschlussreicher gewesen. Ihr Einfluss hat die Talente gefördert, die ihn zum Präsidenten aufsteigen ließen. Und seine Wahlversprechen von 2008 beeinflusst, von denen er manche nun in letzten Anläufen in den 18 Monaten bis zum Ende der Amtszeit am 20. Januar 2017 noch zu verwirklichen sucht.

Die „Lame Duck“-Periode des Präsidenten bedeutet ein machtpolitisches Paradox. Der Einfluss auf den Kongress, auch die eigenen Parteifreunde dort, schwindet; mit langfristigen Konsequenzen für Unbotmäßigkeit kann er nicht mehr drohen. Zugleich ist er freier, seine Vollmachten zu gebrauchen, muss weniger Rücksicht auf die eigene Partei nehmen. Man sah es am Ringen um die Trade Promotion Authority: Diese Vollmacht, Handelsverträge mit Asien, mit Europa abzuschließen, verdankt er den Republikanern, gegen den Widerstand des linken Flügels der Demokraten.

Erfolg heißt jetzt nicht mehr, ein Ziel komplett zu erreichen, sondern ihm möglichst nahe zu kommen. Die endgültige Schließung Guantanamos wird Obama nicht im Amt erleben. Er hat das Lager aber völlig verändert. 240 Insassen hatte er von Bush geerbt. Heute sind es noch 116. Ein Drittel davon will er entlassen und anderen, bei denen die Beweise für Verwicklung in Terror mutmaßlich ausreichen, vor Gericht stellen – nach einer neuen Prozessordnung, für die sich die USA nicht mehr schämen müssen.

Oft ist strategische Geduld nötig

Iran, Kuba, Myanmar sind Belege, dass eine andere Außenpolitik gelingen kann. Erfolg stellt sich freilich nur bedingt ein. Oft ist strategische Geduld nötig. Obama musste warten, bis er Partner bekam, die den Ausgleich ebenso wünschten wie er: im Iran Präsident Ruhani statt Ahmadinedschad. In Kuba Raul statt Fidel Castro. In Myanmar eine jüngere Generalität, die der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi eine politische Rolle zubilligt. Wo ein solcher Partner fehlt – in Israel, in Russland – kann ein US-Präsident wenig ausrichten.

Auch bei der Gesundheitsreform, dem ehrgeizigsten innenpolitischen Projekt, ist der Erfolg relativ: Krankenversicherung für 31 der 47 Millionen Unversicherten war das Ziel. Er hat es bis heute nicht mal zur Hälfte erreicht: Gut zehn Millionen Menschen mehr haben eine Versicherung. Auch da muss er noch arbeiten, um in den letzten 18 Monaten etwas näher an die Versprechen aus dem Wahlkampf zu kommen – „back to the roots“ eines Mannes, der angetreten war, Amerika umzukrempeln.

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