Politik : Biedenkopfs letzter Coup

Ralf Hübner

Der Kandidat muss sich in Beherrschung üben. Die Erregung stand Sachsens CDU-Landeschef Georg Milbradt ins Gesicht geschrieben, als ihm Ende vergangener Woche ausgerechnet einer seiner Stellvertreter, der Zwickauer Oberbürgermeister Dietmar Vettermann (CDU), bescheinigte, für das Amt des Ministerpräsidenten "menschlich nicht geeignet" und in Intrigen gegen Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU) verstrickt zu sein. Milbradt sei als "emotionale Leitfigur der Sachsen kaum vorstellbar", ließ Vettermann verlauten und erklärte Milbradt in Form einer eigenen Kandidatur praktisch den Krieg. Der verkniff sich, wie so oft in den vergangenen Monaten, jedes böse Wort, was ihm in diesem Falle sichtlich schwer fiel. Konkurrenz belebe das Geschäft, hieß es nur kurz, und dass er es bedauere, solche Töne ausgerechnet von seinem Stellvertreter hören zu müssen. Am Wochenende will die sächsische CDU auf einem Sonderparteitag in Dresden ihren Favoriten für die Nachfolge des am 17. April aus dem Amt scheidenden Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (CDU) benennen.

Fast schien es so, als sollte es auf Wege Milbradts in die Staatskanzlei keine größeren Schwierigkeiten mehr geben. Mit der Kandidatur des 44-jährigen Vettermann, der das Rennen um das wichtigste Amt des Freistaat mit der Erfahrung eines halben Jahres als Oberbürgermeister aufnimmt, ist seit Ende vergangener Woche wieder Spannung aufgekommen. Dabei sind in der neu aufgebrochenen Debatte um die Biedenkopf-Nachfolge allerdings keine Stimmen zu hören, die ernsthaft damit rechnen, dass es dem in der Landespolitik bislang gänzlich unbekannten Vettermann gelingen könnte, Ministerpräsident in Sachsen zu werden.

Vettermann selbst, der Gespräche in der Staatskanzlei, die seiner Kandidatur vorangingen, mittlerweile nicht mehr bestreitet, rechnet selbst nur mit etwa 30 Prozent. Er wolle jenen in der CDU, die er als "zerrissen" bezeichnet, ein Ansprechpartner sein, die sich in der Union nicht mehr beheimatet fühlen, sagt Vettermann. Im Klartext: Er will die Gegner Milbradts sammeln. Gerätselt wird deshalb nur, ob es den Gegnern Milbradts gelingt, das Wahlergebnis am Sonnabend derart zu verhageln, das er von selbst seine Absicht, Ministerpräsident zu werden, fallen lässt. Dann nämlich könnte der Weg für einen Kompromisskandidaten frei sein.

Als mögliche Kompromisskandidaten böten sich Europa-Minister Stanislaw Tillich (CDU) und Finanzminister Thomas de Maizière (CDU) an. Diese Spekulationen erhalten Auftrieb, weil sich de Maizière im Gegensatz zu Tillich bedeckt hält. Denn während Tillich postwendend gegen Vettermann Position bezogen hat, hält sich de Maizière, der als Favorit Biedenkopfs gilt, alle Optionen offen. Schon vor Wochen hatte de Maizière erst nach langem Zögern mit einer windelweichen Erklärung von einer Kandidatur gegen Milbradt Abstand genommen. Auch diesmal kann er sich lediglich zu der Formulierung durchringen, dass der "mit einem überzeugenden Ergebnis" von dem CDU-Sonderparteitag gewählte Kandidat, "der Kandidat aller" sein müsse. Die große Unbekannte ist, bei welchem Ergebnis Milbradt überhaupt zum Einlenken bereit wäre. Denn der scheint entschlossen, sich die Tour nicht noch auf der Zielgeraden vermasseln zu lassen. "Eine Stimme Mehrheit reicht", heißt es im Umfeld Milbradts.

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