Politik : Bis Sonntag um 18 Uhr

Endspurt im Wahlkampf: Steinbrück und Rüttgers suchen den Eindruck von klarer Niederlage und sicherem Sieg zu vermeiden

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Die Magie der Bilder soll bis zum letzten Tag wirken. Zum Abschluss des Wahlkampfes wollte sich Peer Steinbrück an der Seite eines Siegers zeigen. Und weil es in sozialdemokratischen Reihen in diesen Tagen wenig Gewinner gibt, wurde eigens der spanische Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero aus Madrid nach Dortmund eingeflogen, wo er neben Gerhard Schröder in der alten Hochburg die letzten Wähler mobilisieren sollte. Obwohl Zapatero des Deutschen nicht mächtig ist, warb er für den Compañero Steinbrück und bescherte dem amtierenden Ministerpräsidenten am Vorabend des Wahlwochenendes noch einmal schöne Fernsehaufnahmen. Auf der SPD-Kundgebung in Dortmund warnte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eindringlich vor einem Regierungswechsel im bevölkerungsreichsten Bundesland. Nordrhein-Westfalen müsse „Markenzeichen“ für ein soziales Modell und Motor für den Bund bleiben, sagte der Kanzler.

Bei der CDU sprach am Freitagabend Kandidat Jürgen Rüttgers gemeinsam mit Parteichefin Angela Merkel in Düsseldorf zu den Massen, den Auftritt mit einem Sieger hatte der CDU-Herausforderer zuvor schon hinter sich gebracht. Ausgerechnet im Ruhrgebiet hat er sich beim 100-Stunden-Marathon bis zum erhofften Machtwechsel mit Peter Harry Carstensen dem Wahlvolk gezeigt, der hat natürlich nur freundlich über seinen Parteigänger geredet. „Er wird der bessere Ministerpräsident“, flötete Carstensen, und Rüttgers freute sich über die frohe Botschaft aus dem hohen Norden. Sein saarländischer Kollege Peter Müller hatte vor einiger Zeit schon das entscheidende Argument für den Wahlsieg von Rüttgers im zweiten Anlauf geliefert: „Dann haben wir endlich elf CDU-Ministerpräsidenten und können eine eigene Fußballmannschaft bilden.“

Mit solchen Scherzen und schönen Bildern versuchen die beiden Kandidaten bis zur letzten Stunde zu mobilisieren. Die Voraussetzungen sind dabei höchst unterschiedlich. Die CDU führt in allen Umfragen deutlich vor der SPD, zuletzt schmolz der Abstand aber von zehn auf über sechs Prozentpunkte zusammen. „Wir kämpfen bis Sonntag 18 Uhr“, hat Jürgen Rüttgers deshalb als Parole ausgegeben, er versucht jeden Anschein auf einen sicheren Sieg zu vermeiden. Nach dem zweiten Fernsehduell, das aus seiner Sicht offenbar günstiger verlaufen ist, als zu erwarten war, ließ er sich allerdings zu einem kleinen Einblick in die Seele hinreißen. „Jetzt bin ich durch“, freute er sich, nachdem die Lichter ausgeschaltet waren.

Bei den Genossen ist es anders. Sie kämpfen gegen die Umfragen. Als selbst die von Parteichef Müntefering angestoßene Kapitalismusdebatte offenbar beim Wahlvolk nicht verfing und die Demoskopen keine günstigeren Zahlen lieferten, verfielen sie fast in kollektive Depression. Von der Partei und ihrem Landesvorsitzenden Harald Schartau war kaum etwas zu sehen, allein Spitzenkandidat Steinbrück kämpfte.

Die Bewegung kam allerdings erst spät. Eine gute Woche nach dem ersten Fernsehduell, das Steinbrück klar gewann, zogen die Werte für die SPD gegen den Bundestrend an, die persönlichen Zahlen für den amtierenden Ministerpräsidenten schossen gar um zwölf Punkte auf 52 Prozent, während Rüttgers bei 30 hängen blieb. Immerhin beflügelte dies die einst so stolze SPD noch einmal, jetzt kämpft auch die Partei. Die Genossinnen und Genossen argumentieren aber gegen eine harte Ablehnungsfront: Die Reformen von Schröder und Clement haben die alte Klientel der Partei in die Enthaltung getrieben. Nur eine Minderheit wechselt zur CDU, aber wenn die eigenen Anhänger am Wahltag zu Hause bleiben, kann Rüttgers mit einem relativ niedrigen Stimmenergebnis auf eine hohe Prozentzahl hoffen. Da die Umfragen gegenwärtig die beiden kleinen Parteien in einem Kopf-an-Kopf-Rennen in der Nähe der sieben Prozent sehen, dürfte das für eine schwarz-gelbe Koalition reichen. Aber: Die Warnungen vor der „schwarzen Republik“, die inzwischen auch enttäuschte Gewerkschafter wieder zurück auf das politische Spielfeld bringen, könnten am Ende doch mobilisieren.

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