Politik : „Bitte, bitte helft mir!“

Wie die beiden deutschen Geiseln im Irak in einer zweiten Videobotschaft vorgeführt werden

Sven Lemkemeyer

Es dauert fünf Minuten und 30 Sekunden. Und es ist ein schauriges Dokument von Verzweiflung und Angst, das neue Video, das die beiden im Irak entführten Deutschen zeigt. Der Film demonstriert auch, dass die Kidnapper die 61-jährige Hannelore Krause und ihren Sohn Sinan nicht schonen. Die Entführer, die den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan verlangen, führen ihre beiden Opfer in großer Not vor. Sie sitzen am Boden vor einem düsteren Hintergrund. Die Frau, die ein Kopftuch trägt, wird mehrfach von Weinkrämpfen geschüttelt, ihr Sohn wirkt extrem eingeschüchtert.

Hannelore Krause fleht: „Bitte, bitte, bitte, helft mir!“ Die 61-jährige wendet sich nicht nur an Deutschland und Österreich, sondern auch an ihre in Deutschland lebenden Kinder: „Lieber Masen, liebe Maissun, meine lieben Kinder in Dortmund. (…) Ich bitte euch, unternehmt etwas. Vielleicht könnt ihr zu den Zeitungen gehen, vielleicht könnt ihr einen Protestmarsch organisieren, vielleicht könnt ihr irgendwas unternehmen und uns in irgendeiner Weise helfen. “

Seit acht Wochen sind Mutter und Sohn in der Gewalt der Extremistengruppe, die sich „Pfeile der Rechtschaffenheit“ nennt. Der Krisenstab des Auswärtigen Amtes arbeitet rund um die Uhr, einen direkten Kontakt zu den Entführern gibt es offenbar nicht, auch verschiedenste Appelle verhallten ohne Wirkung. Bereits am 10. März hatte Hannelore Krause Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Videobotschaft aufgefordert, ihr Leben zu retten. Die Kanzlerin äußerte sich in höchstem Maße besorgt, machte aber umgehend deutlich, dass die Bundesrepublik sich nicht erpressen lasse. Das zehntägige Ultimatum verstreicht. Der Appell von Bundespräsident Horst Köhler in einer Fernsehbotschaft am 10. Mä rz an die Entführer, ihre Geiseln freizulassen, wird als Zeichen gewertet, dass die Bundesregierung eine politische Dimension der Geiselnahme nicht ausschließt.

Viele Beobachter gehen allerdings davon aus, dass es den Entführern um Lösegeld geht. Der Terrorismusexperte Rolf Tophoven sagte der Agentur AP, der zeitliche Zusammenhang zwischen dem Abflug der Tornados nach Afghanistan und dem Auftauchen des zweiten Videos sei verblüffend und zeige, dass die Kidnapper über deutsche Politik gut informiert seien. Daher wüssten sie aber auch, dass ihre Forderung exorbitant und unrealistisch sei. Dennoch sei das Video die nächste Eskalationsstufe, biete aber andererseits auch Anlass zur Hoffnung: „Mit aller Vorsicht kann man sagen, dass es eine Verhandlungschance eröffnet.“ Wenn es den Geiselnehmern nur darum ginge, ihre Opfer zu töten, „hätten sie das ja längst tun können“. Sein Kollege, Terrorexperte Berndt Georg Thamm, äußerte in N 24 die Vermutung, dass Video sei jetzt platziert worden, um die Lösegeldforderung höher zu schrauben.

Im Irak wurden bereits mehrfach Deutsche entführt. Sowohl die Archäologin Susanne Osthoff als auch die beiden Leipziger Ingenieure Rene Bräunlich und Thomas Nitzschke waren nach wochenlanger Geiselnahme freigekommen. Laut Medienberichten hatte die Bundesregierung dabei Lösegeld bezahlt. Auch in diesen Fällen hatten die Entführer zunächst politische Forderungen gestellt, die aber nicht erfüllt wurden. Ultimaten waren in beiden Fällen mehrmals verstrichen.

Selbst wenn Hannelore Krause und ihr Sohn sich daran erinnern, helfen wird es ihnen in den Händen der Extremisten sicher nicht – zu groß ist ihre Angst. Und so wendet sich Hannelore Krause „vielleicht ein letztes Mal“ an ihre Kinder in Deutschland: „Wenn wir uns nicht wiedersehen sollten, ich wünsch euch alles Gute – und alles Beste. Und auf Wiedersehen.“

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