Politik : Blair macht’s spannend

Aber Labourlinke hofft auf schnellen Rücktritt

Matthias Thibaut

London - Eigentlich wollte Blair die Arbeit nach seinem Urlaub in Barbados mit einer neuen sozialpolitischen Initiative zur Früherfassung potenzieller „Problemkinder“ aufnehmen – möglichst schon vor der Geburt. Dann soll eine Nahost-Initiative auf dem Programm stehen. „Der Premier brennt vor Arbeitslust“, gab sein Amtssprecher als Motto aus. Stattdessen hat Blair mit einem Interview in der „Times“ am Freitag fast Bürgerkrieg in der Labourpartei ausgelöst. „Eine Kriegserklärung an die Partei“, sei das Interview gewesen, wird ein „angesehener Hinterbänkler“ von den Medien zitiert. „Ein Rezept für weitere Instabilität“, warnte Parteifreund John McFall – der aus dem Lager von Schatzkanzler Gordon Brown kommt.

Was war so anstößig? Blair lehnte Aussagen über seinen Rückzugstermin ab und deutete an, dass er noch längere Zeit im Amt bleiben will. „Ich habe genug gesagt“, so Blair bittersüß. Seit er ankündigte, er werde nicht noch einmal als Labour-Spitzenkandidat eine Wahl anführen, wird über seinen Abgang spekuliert. Nun glaubt Blair, die Nennung eines Zeitplans würde seine Autorität vollends untergraben. Nicht einmal auf dem Labourparteitag Ende September will er sich dazu äußern. Die Partei solle von der „Obsession“ mit dieser Frage ablassen und ihn seinen Job machen lassen „Die mit diesen Spekulationen weitermachen, wollen in Wahrheit eine politische Kursänderung.“

Doch in wachsender Fieberhitze redet Labour nur von Blairs Abgang. „Er lässt die Partei verbluten“, schimpfte der Abgeordnete Dan Touhig. Der Glasgower Abgeordnete Ian Davidson forderte den sofortigen Rücktritt Blairs und gleich auch die Suspension der „Ultrablairiten“. Damit meint er den ehemaligen Verkehrsminister Stephen Byers, der die Linke und Schatzkanzler Brown mit der Forderung nach einer Abschaffung der Erbschaftssteuer gezielt vor den Kopf stieß.

Die Machtkämpfe für die Zeit nach Blair haben begonnen. Der Premier und seine Getreuen wollen den potenziellen Nachfolger in eine zentristische New-Labour-Agenda einbinden. Der Nachfolger wäre Gordon Brown oder, sollte dieser nicht mitmachen, „Blairiten“ wie Innenminister John Reid. Die Strategie dafür ist: Blair bleibt so lang wie möglich im Amt.

Die Parteilinke will, dass Blair bald geht, damit der Nachfolger Zeit für die Abkehr von Blairs neoliberalistischer Politik hat. Sollte Gordon Brown dabei nicht mitmachen, werden sie ihren eigenen Kandidaten aufstellen. Einige Linke hoffen sogar auf einen Wahlsieg der Tories, damit sich die Labourpartei in der Opposition auf ihre alten sozialistischen Werte besinnen kann. Diese „Hoffnung“ ist nicht unbegründet. Die Konservativen David Camerons liegen in den Umfragen konstant vor Labour und könnten jetzt sogar eine Regierungsmehrheit erringen.

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