Politik : Blick in die braune Vergangenheit Studie der Dresdner Bank

zu ihrer NS-Verwicklung

Thomas Lackmann

Berlin - Die Kulisse spricht für sich. Vor dem Fenster der Dresdner Bank sind ein symbolträchtiger Platz des alten und repräsentative Bankgebäude des neuen Berlin zu sehen, nicht weit dahinter erstreckt sich das Holocaust-Denkmal. Das vierbändige Werk „Die Dresdner Bank im Dritten Reich“ wird von Autoren und Auftraggebern, vertreten durch Bank-Vorstand Wulf Meier, mit sachlicher Anteilnahme vorgestellt. Ursprünglich sollte die Pressekonferenz am Freitag im Jüdischen Museum stattfinden. Vor anschwellender Kritik ist man ins eigene Haus zurückgewichen: Versöhnliche Anlehnung an die Sachwalter jener Menschen, die zu Opfern der NS-Verfolgung wurden, hätte das Aufklärungsprojekt des Geldinstituts eher in Missklang gebracht.

Die Dresdner Bank wird in der von ihr mit 1,6 Millionen Euro finanzierten Studie unbeschönigt als Mittäter überführt. Vor acht Jahren, als Verdrängungstradition und Sündenbock-Theorie von zwei alleinschuldigen braunen Vorstandsmitgliedern nicht mehr zu halten war, wurde das Hannah- Arendt-Institut mit der Untersuchung beauftragt. Herausgeber und Zeithistoriker Klaus-Dietmar Henke sowie die Bankhistoriker Johannes Bähr, Dieter Ziegler und Harald Wixforth sichteten im Archiv der Bank zwölf Kilometer Akten sowie 50 Archive zwischen New York und Moskau. Aus geplanten 300 wurden 2374 Seiten. Henke lobt: Die Bank habe sich gründlicher sezieren lassen als jedes andere deutsche Unternehmen.

Von Arisierung und Aufrüstung profitierten alle deutschen Großbanken. Die besondere Belastung der Dresdner als Hausbank der SS ist bekannt, geht aber über bisherige Annahmen weit hinaus. Ökonomische Rationalität und Regimenähe führten zur Mittäterschaft im Kernbereich der NS-Politik: beim Judenmord, bei der Ausbeutung Osteuropas. Band eins der Studie untersucht Geschäftsentwicklung und politische Verbindungen. Band zwei dokumentiert den Profit rund um die Judenverfolgung, von der Behandlung eigener Angestellter bis zu Arisierungen. Band drei zeigt die Großraumwirtschaft in Europa. Band vier resümiert, blickt auf die Nachkriegszeit.

422 Firmen waren an der Errichtung von Auschwitz beteiligt, viele erhielten Kredite der Dresdner Bank, welche wiederum Anteile der Breslauer Firma Huta hielt, die Krematorien und Gaskammern baute. Und was wussten einfache Banker von der Geheimsache Massenmord? Viele entlassene jüdische Angestellte der Bank wanderten nicht aus, da sie dachten, mit ihrer Betriebsrente überleben zu können. Als sie 1942 deportiert werden, stellt die Bank die Zahlungen ein. Der Staat protestiert: Für den Unterhalt „Evakuierter“ müsse weiter ans Reich gezahlt werden. Die Bank will Lebensbescheinigungen aus Lodz, die verweigert werden; im Krieg sei für Papierkram keine Zeit. Darauf die Bank: Wir zahlen nicht, ein alter Mensch kann im russischen Winter nicht lange überleben. Die „Verstrickungslüge“ von der Ohnmacht im totalitären Getriebe, sagt Henke, sei nicht mehr zu halten.

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