Boko Haram in Nigeria : Es gibt kaum Kinder in Borno

Der Bundesstaat Borno liegt im Nordosten Nigerias. Dort gibt es kaum Kinder unter fünf Jahre. Fast alle sind infolge des Terrors gestorben. Ein Gastbeitrag.

Joanne Liu, Natalie Roberts
Wieder gab es einen Anschlag im Bundesstaat Borno in Nigeria - dieses Bild zeigt die Attacke auf ein Dorf vom 8. Februar durch Boko Haram.
Nach einem Anschlag im Bundesstaat Borno in Nigeria durch Boko Haram.Foto: dpa

Vor kurzem sind wir von einer Reise in den Bundesstaat Borno im Nordosten Nigerias zurückgekommen. Inmitten des Hungers und der Vertreibung ist uns eine erschreckende Tatsache aufgefallen: An den drei Orten, die wir besucht haben, gab es kaum Kinder unter fünf Jahren. Fast kein einziges. Sie waren nicht in den therapeutischen Ernährungszentren, obwohl sie sonst am häufigsten von Mangelernährung betroffen sind. Sie waren nicht in unseren Krankenstationen, sie kamen nicht zu unseren ambulanten Sprechstunden.

Normalerweise laufen immer kleine Kinder in den Lagern herum, die für die Vertriebenen aufgebaut werden. Wir sahen nur ältere Jungen und Mädchen. Keine Kleinkinder, die von ihren großen Schwestern getragen werden, keine Babys auf den Rücken ihrer Mütter. Wo sind all diese Kinder?

2013 und 2014 mussten im gesamten Nordosten Nigerias Menschen vor den Angriffen durch die bewaffnete Gruppe Boko Haram fliehen. Sie kamen zu Tausenden aus den Städten und Dörfern der Region nach Maiduguri, in die Hauptstadt des Bundesstaates Borno. Die nigerianische Regierung startete 2014 eine Gegenoffensive, die sie 2015 noch verstärkte. Die Kämpfe trieben Millionen Menschen in die Flucht. Viele flohen in die Nachbarstaaten oder suchten Zuflucht in neu errichteten Lagern. Bauern konnten ihr Land nicht mehr bearbeiten, alle Handelsrouten wurden unterbrochen, die Märkte leerten sich. Fast jeglicher Güterfluss in die von Boko Haram gehaltenen Gebiete wurde unterbunden. Völlig abgeschnitten von allen überlebensnotwendigen Dingen hungerten dort viele.

Das Fehlen von Nahrungsmitteln und damit auch von essentiellen Nährstoffen hat zu beispiellos hohen Raten von Mangelernährung geführt. Mangelernährung schwächt die Widerstandsfähigkeit insbesondere von Kleinkindern und sehr alten Menschen gegenüber Krankheiten erheblich. Als Folge breitet sich ein Masernausbruch unkontrolliert aus, und Durchfall und Lungenentzündungen fordern einen verheerenden Tribut. Zudem kam mit der Regenzeit Malaria in die Region. Die Folge: ein Teil der Bevölkerung wurde weitgehend ausgelöscht.

Bis zu 50 Prozent der Kinder sind mangelernährt

Im Juni 2016 erklärte die nigerianische Regierung endlich den Ernährungsnotstand für den Bundesstaat Borno. Aber die Menschen, die in den von Boko Haram gehaltenen Gegenden hungern, hungern immer noch.
Während unseres Besuchs hörten wir die gleiche Geschichte immer und immer wieder – wie die Flucht die Ressourcen der Menschen aufzehrte und die Menschen schwach und ohne jeglichen Besitz zurückließ, wie ihre Säuglinge und Kleinkinder an Mangelernährung und Infektionen oder vermeidbaren Krankheiten starben. Sie sind Opfer des Hungers.

Überall, wo wir hingingen, fragte uns jeder nach ein- und demselben: Nahrung. Nicht Wasser, nicht Zelte, nicht Medizin. Sie brauchen Nahrung.

Die Untersuchung von Kindern an verschiedenen Orten in Borno von Mai bis Oktober diesen Jahres zeigen, dass bis zu 50 Prozent der Kinder unter fünf Jahren akut mangelernährt sind. Diese Zahlen sind extrem alarmierend.
Die Menschen in Borno benötigen Hilfe – in Maiduguri und außerhalb. Die Hauptstadt hat einen Flughafen und ist auch über Land gut erreichbar, und trotzdem sind die Preise für Grundnahrungsmittel in den vergangenen Monaten in die Höhe geschossen. Eine wachsende Zahl an Menschen – sowohl Einheimische als auch Vertriebene – können sich Nahrungsmittel schlichtweg nicht mehr leisten.

Zudem ist es schwierig, außerhalb der Stadt Hilfe zu leisten. Viele Gebiete sind abgeschnitten und Kämpfe toben weiterhin rund um zerstörte Siedlungen. Die Risiken, die unsere Teams auf sich nehmen müssen, um die Menschen in Städten wie Bama, Dikwa, Gwoza und Pulka zu erreichen, sind an der Grenze des Zumutbaren. Fahrten mit dem Auto sind aus Sicherheitsgründen unmöglich, Hubschrauber sind die einzige Option.
Zudem befürchten unsere Teams eine Verschärfung der Lage, da eine weitere Anbausaison verstrichen ist und die Märkte weiterhin leer bleiben. Das medizinische Personal ist geflohen und die Gesundheitseinrichtungen geschlossen. Die Menschen suchen verzweifelt nach Nahrungsmitteln und brauchen medizinische Hilfe, einschließlich groß angelegter Masern-Impfkampagnen, um die Kinder zu schützen.

Ein umfassender Hilfseinsatz ist notwendig

Die nigerianische Regierung hat das Ausmaß dieser humanitären Krise erkannt. Nun muss sie für direkte Hilfe für die Menschen in Borno sorgen. Ein umfassender Hilfseinsatz muss umgehend eingeleitet werden und angesichts der Herausforderungen müssen die UN–Institutionen, vor allem das Welternährungsprogramm, ihre Hilfe ebenso verstärken.

Die Nahrungsmittelhilfe in den sicheren Gebieten in Borno muss massiv ausgeweitet werden. Es muss sichergestellt werden, dass die Hilfe die Menschen erreicht und dass diese sich frei bewegen können.
Noch immer kämpfen Kleinkinder um ihr Leben. Älteren Kindern und sogar Erwachsenen droht ein ähnliches Schicksal. Wir kennen noch immer nicht das ganze Ausmaß dieser menschengemachten Krise. Viele Menschen leben weiterhin in völlig abgeschnittenen Gebieten. Die Hilfe muss ausgebaut werden – auch Ärzte ohne Grenzen muss die Nothilfe intensivieren. All dies muss fortgeführt werden, bis die Menschen in Nigeria endlich grundlegend versorgt sind.

Joanne Liu ist Internationale Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen und Natalie Roberts ist Nothilfekoordinatorin von Ärzte ohne Grenzen.
Zuerst erschienen am 7.11.2016 auf den Seiten des „Time Magazine“.

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