Politik : Bombe im Schnellkochtopf

Haben Neonazis oder Islamisten den Sprengsatz im Dresdner Hauptbahnhof gelegt? Fest steht: Al Qaida übte in ihren Terror-Camps Attentate mit ähnlicher Technik

Frank Jansen

Der Bahnhof war voller Menschen. In den Zügen drängelten sich die Urlauber. Es war der 2. August 1980, ein Samstag. Für viele Italiener begannen die Sommerferien. Dann geschah das Unfassbare. Um 10 Uhr 25 erschütterte ein gewaltiger Knall den Hauptbahnhof von Bologna. Der komplette linke Flügel sank in sich zusammen. In einer riesigen Staubwolke verschwanden ein Wartesaal, ein Restaurant, Fahrkartenschalter und der auf Gleis 1 stehende Adria-Express. Ein Inferno brach über den Bahnhof herein, eine mutwillig inszenierte Katastrophe.

Italienische Rechtsextremisten, Mitglieder der Gruppe „Nuclei Armati Rivoluzionari“ (Bewaffnete Revolutionäre Kerne) hatten eine Bombe gezündet. Die Opferzahlen waren höher als bei jedem anderen Anschlag im Italien der Nachkriegszeit: 85 Menschen starben, 200 wurden zum Teil schwer verletzt. War dieser Anschlag eine Art Modell für den oder die Täter, die am Freitag auf dem Hauptbahnhof Dresden einen mit Sprengstoff gefüllten Koffer abstellten?

In der sächsischen Hauptstadt hatte, wie überall in Deutschland, der Pfingstreiseverkehr eingesetzt. Wenn ein Attentäter möglichst viele Menschen treffen wollte, war dieser Freitag ein „günstiger“ Termin. Sicherheitsexperten vermuten denn auch, dass vor allem zwei Tätergruppen in Frage kommen: Rechtsextremisten, wie damals in Bologna, und Islamisten. Beide haben mit Anschlägen hinreichend demonstriert, dass sie Massaker verüben wollen, mit so vielen Opfern wie möglich. Täter aus dem europäischen Linksextremismus kämen hingegen für „Dresden“ eher nicht in Frage, meinen Sicherheitsexperten. Militante Linke suchten sich gezielt einzelne Attentatsopfer. Es wird auch bezweifelt, dass ein bastelwütiger Spinner oder ein Bahnerpresser derart professionell eine Kofferbombe baut wie die von Dresden.

Neonazis haben in der Vergangenheit auf Terror gesetzt, um eine Atmosphäre des Schreckens zu schaffen, in der dann in einer Gesellschaft der Ruf nach dem starken Mann laut wird, einem neuen „Führer“. Sicherheitsexperten sagen zwar, die 1999 und 2000 in der Szene geführten Terrordebatten seien abgeflaut. Es sei allerdings nicht auszuschließen, dass ein rechtsextremer Einzeltäter zuschlagen wollte – wie es Gundolf Köhler am 26. September 1980 tat, als er auf dem Münchner Oktoberfest eine Splitterbombe deponierte. Der Sprengsatz explodierte vorzeitig, Köhler und zwölf Besucher starben, 200 weitere erlitten Verletzungen.

So erscheinen im Fall Dresden, zumindest theoretisch, Islamisten als die Hauptverdächtigen. Ein wichtiges Indiz: In dem Koffer soll ein Schnellkochtopf gesteckt haben. Islamisten aus vielen Ländern haben in den afghanischen Trainingscamps der Al Qaida gelernt, wie ein Schnellkochtopf zur Splitterbombe umgebaut wird. Ende Dezember 2000 war es beinahe so weit: Vier Algerier, alle in Afghanistan trainiert, wollten den Straßburger Weihnachtsmarkt heimsuchen – mit einer Kochtopfbombe, deren Wirkung verheerend gewesen wäre.

Weihnachten 2000, im letzten Moment, nahm das Bundeskriminalamt die vier Männer in Frankfurt fest. Von dort hatten sie den Anschlag vorbereitet. Da auf dem Weihnachtsmarkt möglichst viele Splitter fliegen sollten, bestellten die Islamisten bei einer Terrorzelle in London einen großen pakistanischen Schnellkochtopf. Im März 2003 verurteilte das Frankfurter Oberlandesgericht die Algerier zu Haftstrafen zwischen zehn und zwölf Jahren. Der Vorsitzende Richter sagte, die Angeklagten hätten „eine an Schwere, Verwerflichkeit und Brutalität kaum noch zu überbietende Straftat verabredet“. Hat nun dieser Beinahe-Anschlag den oder die Täter in Dresden inspiriert?

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