Politik : Boutros-Ghali im Gespräch: "Die Vereinten Nationen müssen die Globalisierung managen"

Wird es die UN in 20 Jahren noch geben?

Boutros Boutros-Ghali (77) war von 1992 bis 1996 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Eine Wiederwahl für eine zweite Amtszeit scheiterte am Widerstand der USA, mit denen der langjährige ägyptische Außenminister in seinem Buch "Hinter den Kulissen der Weltpolitik" (discorsi-Verlag) nun schonungslos abrechnet.

Wird es die UN in 20 Jahren noch geben?

Nur, wenn es eine drastische Reform der Vereinten Nationen geben wird, die sich nicht nur auf eine neue Zusammensetzung des Sicherheitsrates bezieht. Die nichtstaatlichen Akteure, die zivile Gesellschaft muss an der Ausarbeitung der Regeln beteiligt werden, die die Welt in den nächsten 20 bis 30 Jahren bestimmen werden. Es geht um die Einbeziehung der Parlamentarier, von Nichtregierungsorganisationen, der Wirtschaft und beispielsweise von Bürgermeistern großer Städte. Es geht um die Demokratisierung internationaler Beziehungen. Durch die Globalisierung nimmt die Macht der Staaten ab, Macht wird vom Nationalstaat auf multilaterale Einrichtungen übertragen. Deswegen muss es minimale Demokratie auf internationaler Ebene geben, das, was ich globale Demokratie nenne.

Das klingt sehr optimistisch.

Die Utopie von heute ist die Realität von morgen. Die letzten großen Konferenzen in Rio de Janeiro, Peking und Kopenhagen waren eigentlich Doppelkonferenzen. Eine auf Regierungsebene und eine Konferenz der Nichtregierungsorganisationen.

Sehen Sie kein Problem in der fehlenden demokratischen Legitimation von Nichtregierungsorganisationen?

Natürlich gibt es solche und solche. Wir müssen uns aber auf einen neuen Ansatz vorbereiten, auch wenn wir die Details davon noch nicht kennen. Es muss mehr Teilnahme der Zivilgesellschaft bei internationalen Angelegenheiten geben.

Was wird dann die Funktion der UN sein?

Es geht nicht nur darum, sich in internationale Konflikte einzumischen, sondern die Globalisierung zu managen, bestimmte Regeln zu entwickeln. Sich um Probleme wie die Umwelt, die internationale Mafia, Krankheiten oder finanzielle Globalisierung zu kümmern. Man kann Frieden oder Demokratie nicht ohne ein Minimum an Entwicklung haben.

Werden die USA da mitmachen?

Bis jetzt bevorzugen sie die unilateralen gegenüber den multilateralen Beziehungen. Aber es gibt eine dialektische Beziehung zwischen der Supermacht und der Tatsache, dass die anderen Mitgliedsstaaten nicht wirklich an den internationalen Beziehungen teilnehmen. Die Teilnahme dieser Staaten an internationalen Angelegenheiten kann man nur durch die öffentliche Meinung und der Beteiligung der Zivilgesellschaft erreichen.

In Ihrem Buch kritisieren Sie die USA scharf.

Als Generalsekretär der UN war ich der Meinung, ich müsste ein Sekretär der UN sein, aber von Zeit zu Zeit auch ein General. Die USA wollten aber nur einen Sekretär und keinen General. Dann waren wir auch sehr oft bei praktischen Problemen anderer Meinung. Wie in Jugoslawien, wo die USA Luftstreitkräfte einsetzen wollten. Ich war nicht komplett dagegen. Aber ich musste auch die schon stationierten Blauhelme schützen. Sie warfen mir vor, pro-europäisch zu sein.

Könnten die UN in Palästina eingreifen?

Das wäre eine gute Idee, aber die Israelis werden das wohl nicht akzeptieren, weil es eine Vertrauenskrise zwischen Israel und den UN gibt. Auch in der letzten Resolution wurde Israel wieder verurteilt. Viele Staaten trauen sich nicht, das direkt zu tun, deswegen verurteilen sie Israel über die internationale Gemeinschaft. So hat die israelische Bevölkerung den Eindruck, die UN seien eine antiisraelische Maschinerie, obwohl die UN den Staat Israel erst geschaffen haben.

Wäre es auf längere Sicht vorstellbar, dass die UN eine Art Treuhänderschaft für die Altstadt Jerusalems oder die heiligen Stätten übernehmen?

Als ehemaliger Außenminister Ägyptens kann ich sagen, dass wir immer eine Rolle der UN befürwortet haben. Auch in der Erklärung des letzten arabischen Gipfels findet sich die Tendenz wieder, sowohl die UN als auch die EU zu involvieren. Aber die USA wollen das nicht. Auch Israel ist dagegen.

Gibt es eine Lösung für den Konflikt?

Vielleicht muss man einige Monate warten, bis es wieder eine gute Atmosphäre für Verhandlungen gibt. Es gibt keine andere Alternative. Keiner von beiden kann diesen Konflikt gewinnen. Wenn es 1977 möglich war, ein Friedensabkommen zwischen Ägypten und Israel zu schließen, das trotz der vielen Krisen Bestand hatte, dann gibt es auch keinen Grund, warum es Israelis und Palästinensern nicht gelingen sollte, zu einer Übereinkunft zu kommen.

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