Brasilien : Gemäßigte Linke sucht neuen Präsidentschaftskandidaten

Staatstrauer stoppt den Wahlkampf: Nach dem Tod von Präsidentschaftskandidat Eduardo Campos sucht die gemäßigte Linke einen Nachfolger. Es könnte eine Frau sein.

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Eduardo Campos und seine Vize Marina Silva auf einem Wahlplakat
Eduardo Campos und seine Vize Marina Silva auf einem WahlplakatFoto: Reuters

In Brasilien ist sieben Wochen vor den Präsidentschaftswahlen unklar, wer gegen Amtsinhaberin Dilma Rousseff antritt. Das Land wirkt nach dem Tod des Kandidaten Eduardo Campos gelähmt. Der 49-jährige Chef der Sozialistischen Partei Brasiliens (PSB) starb bei einem Flugzeugabsturz in der Hafenstadt Santos im Bundesstaat Sao Paulo. Seine Partei hat nun zehn Tage Zeit, einen Nachfolger zu bestimmen.

In Umfragen erreichte Campos zwar nur zehn Prozent der Stimmen – gegenüber 38 Prozent für Rousseff und 23 Prozent für den Ex-Gouverneur des Bundesstaats Minas Gerais, Aecio Neves. Er galt aber als der Kandidat, der am meisten hätte zulegen können. Zudem brach er die traditionelle Konfrontation zwischen der etatistischen Arbeiterpartei (PT) von Rousseff und der rechten Sozialdemokratischen Partei (PSDB) von Neves auf.

Mit Campos starben alle weiteren sechs Insassen des Düsenjets. Das Flugzeug stürzte beim Landeanflug in schlechtem Wetter in ein dicht bebautes Wohngebiet. Die Absturzursache ist unklar, Zeugen geben an, dass die Cessna in der Luft gebrannt habe. Der Pilot der Maschine hatte wenige Tage vor dem Unglück auf seiner Facebook-Seite über große Müdigkeit geklagt.

Sieben Jahre Gouverneur

Bevor er als Kandidat nominiert wurde, war Campos sieben Jahre Gouverneur des nordöstlichen Bundesstaats Pernambuco. Seine Amtszeit gilt trotz Nepotismus-Vorwürfen als äußerst erfolgreich. Es gelang ihm, die Verbrechensrate stark zu senken, er verbesserte das Bildungssystem, ließ Krankenhäuser bauen, lockte Investitionen an. Ein Transparenz-Portal zu öffentlichen Ausgaben erhielt großes Lob. In seine Amtszeit fällt der Bau der modernsten Raffinerie Brasiliens unweit der Hauptstadt Recife. So erreichte Campos die höchste Zustimmungsrate aller 26 brasilianischen Gouverneure. Bei seiner Wiederwahl 2010 bekam er 80 Prozent der Stimmen.

Campos’ Politik lässt sich als links-pragmatisch beschreiben. Vom traditionell im Nordosten verankerten Colonel-System, bei dem wenige reiche Familien ganze Regionen oder Bundesstaaten beherrschen, wollte er sich absetzen. Dies gelang ihm, obwohl sein Großvater Miguel Arraes vor ihm Gouverneur von Pernambuco gewesen war. Auch dieser hatte einen populären linken Kurs verfolgt.

Für einen dritten Weg

Im Wahlkampf stand Eduardo Campos mit seiner gemäßigten Art für einen dritten Weg. Rousseffs Regierung, die wegen nicht abreißender Korruptionsvorwürfe, einer Wirtschaftskrise und starker Inflation unter Druck steht, kritisierte er weniger aggressiv als Neves – wohl auch, weil er selbst während der Amtszeit von Rousseffs Vorgänger Lula da Silva Wissenschaftsminister gewesen war. Campos, so schien es, war tatsächlich an Lösungen für die großen Probleme Brasiliens interessiert. Man traute ihm zu, die starken Antagonismen zwischen dem industrialisierten Südosten und dem ärmeren Nordosten Brasiliens zu versöhnen.

Zudem war Campos ein Coup gelungen, als er die Umweltpolitikerin Marina Silva zu seiner Vizekandidatin berief. Die ehemalige Umweltministerin hatte für ihre eigene Partei, das Netzwerk für Nachhaltigkeit, keine Zulassung zur Wahl bekommen. Silva steht für ernsthaften Umweltschutz, ein Thema, das in Brasilien von allen anderen Parteien ignoriert wird. Außerdem ist sie evangelikale Christin und spricht eine in Brasilien große Gruppe an. Bei den Präsidentschaftswahlen 2010 hatte sie 19 Prozent erhalten und mit 20 Millionen Kreuzen die meisten Stimmen einer Grünen-Kandidatin weltweit bekommen. Sollte Silva nun für die PSB ins Rennen steigen, würde vor den Wahlen am 5. Oktober noch einmal eine völlig neue Situation entstehen. Für Rousseff, die eine dreitägige Staatstrauer ausrief, wäre das keine gute Nachricht.

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