Brasilien-Tagebuch : Aus dem Busch gegen Grünen Star

Tagesspiegel-Politikredakteurin Dagmar Dehmer ist in Brasilien unterwegs. Folge Zwei ihres Online-Tagebuchs handelt von einer uralten Heilpflanze, Jaborandi, einer Gruppe ehemals landloser Sammler und dem deutschen Pharma-Unternehmen Boehringer-Ingelheim.

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Blättersammlerin.
Blättersammlerin.Foto: Dagmar Dehmer

In der Sprache der Indianer heißt Jaborandi, „was uns Sabbern macht“. Der Busch, der im Schatten der Wälder ausschließlich dreier brasilianischer Bundesstaaten wächst, hat kleine, dunkelgrüne und sehr feste Blättchen. Sie enthalten den Wirkstoff Pilocarpin, der zu Augentropfen gegen den Grünen Star verarbeitet wird.
Die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat in diesem Fall zwei Aufträge: Einer kommt direkt von Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP). Er will, dass die Entwicklungskooperation stärker an der Wirtschaft und deren Interessen ausgerichtet wird. Deshalb muss die GIZ weltweit Projekte am besten mit deutschen Unternehmen präsentieren. Das trifft auf die Sammlergemeinschaften in den Bundesstaaten Pará, Maranhao und Piauí auf jeden Fall zu, denn sie sammeln die Blätter für das brasilianische Unternehmen Centroflora, das aus den Blätter das Pilocarbin extrahiert und es schließlich nach Deutschland zu Boehringer-Ingelheim liefert. Die Gesamtkosten des Projekts liegen bei rund 700 000 Euro, von denen Niebels Ministerium 25 Prozent trägt. Den Rest der Kosten bringen die Unternehmen selbst auf.
Der zweite Auftrag der GIZ hat mit der Natur der Sache zu tun. Bis vor kurzem hat Centroflora 70 Prozent der Jaborandi-Blätter, die sie brauchten, auf einer Plantage selbst erzeugt. Die Firma hat einen Jahresbedarf von 250 Tonnen getrockneter Blätter, das sind 500 Tonnen frisch gepflückte. Aber Centroflora-Chef Michael Anderson sagt: „In der Landwirtschaft beschäftigen wir nur wenige Leute.“ Deshalb hätten sie das Verhältnis von wild gesammelten und landwirtschaftlich erzeugten Jaborandi-Blättern nun umgedreht. Nun sammeln 1700 Sammlerfamilien die Blätter der vom Aussterben bedrohten Pflanze für das Unternehmen. Weil die Pflanze auf der Roten Liste steht, muss die brasilianische Umweltbehörde die Ernte genehmigen. Durch die Vermittlung der GIZ hat sie das nun getan. Denn zuvor hatten die Sammler die Pflanze mit Stumpf und Stiel ausgerissen, sie verhäckselt und dann vermaktet. Das Sammeln war nicht nur illegal, weil die Pflanze unter Schutz steht. Die Sammlergemeinde in Piauí, die wir am Dienstag besucht haben, hat dies auch auf Land getan, das ihr nicht gehörte. Das Dorf Cutias in der Region Territorio dos Cocais hatten die Landlosen irgendwann besetzt. Durch die Registrierung nun als offizielle Sammler ist seit zwei Jahren aus dem illegalen ein legales Dorf geworden, in das die Agrarreformbehörde die damals 18 Familien nun offiziell angesiedelt hat.

Derzeit sind alle zufrieden. Michael Anderson strahlt, als er die selbstbewussten Frauen von der Sammlergemeinde über ihre Erfolge reden hört. Und auch Adrian von Treuenfels von Boehringer-Ingelheim ist sichtlich gerührt. Margarida Silva Oliveira, die Generalsekretärin der Sammlergemeinschaft, sagt: „Wir haben keine Angst. Wir sind mutig.“ Sie hätten erkannt, dass die Pflanze für sie weit wertvoller ist, als sie erwartet hätten. Denn die Zwischenhändler der Vergangenheit haben ihnen nicht nur verschwiegen, wofür die Pflanze gebraucht wird, sondern auch noch einen hohen Illegalitätszuschlag verlangt. Wenn die Sammler 3,50 Reais pro Kilo Jaborandi bekamen, blieben ihnen am Ende 60 Cent, der Zwischenhändler kassierte den Rest. Seit sie direkt an Centroflora verkaufen, verdient der zertifizierte Aufkäufer einen Reais und 3,50 Reais bleiben bei den Sammlern.
Da die Pflanze nur drei Monate im Jahr geerntet werden darf, um ihren Bestand nicht zu gefährden, sammeln die Leute von Cutias in der restlichen Zeit Babassu-Nüsse. Die Frucht einer Palmenart enthält einen ölreichen Kern, der sich zur Ölerzeugung nutzen und verkaufen lässt. Die Schicht direkt darüber wird zu einem Mehl verarbeitet, aus dem Babynahrung, Kuchen oder sogar Eiscreme werden kann. (Sie schmeckt süß, aber nicht zu süß und hat eine sahnig-sämige Konsistenz.) Die Schalen wiederum haben einen hohen Brennwert und werden bisher zu Holzkohle verarbeitet. Michael Anderson hat aber schon das nächste Projekt im Kopf: Er will in der Nähe von Cutias eine Fabrik aufbauen, die die Schalen zerkleinert und sie dann zu Briketts verpresst. Mit diesem nachhaltigen Brennstoff könnte nicht nur die Fabrik in Parnaiba kohlenstoffneutral werden. Doch das ist bisher erst eine Idee.

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