Brisante Zeugenaussage : Als Mister A ein Attentat plante

Bei der Untersuchung zu Prinzessin Dianas Tod kommt Licht in einen ganz anderen Fall: Ein britischer Agent spricht über seine Idee, einen serbischen Nationalisten zu töten. Er hatte eine Analogie mit Deutschland vor Hitlers Machtübernahme gesehen.

Markus Hesselmann

LondonDieser Zeuge hat keinen Namen. Zumindest keinen, der vor Gericht verkündet wird. "Ich rufe Mister A auf", sagt der Richter. Mister A tritt als Agent des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 in den Zeugenstand. Er soll zur Wahrheitsfindung in der Untersuchung um den Tod von Prinzessin Diana und ihres Freundes Dodi al Fayed beitragen. Doch nebenbei bringt er Licht in einen ganz anderen Fall. Einen Fall von politischer Brisanz, der mit dem Krieg auf dem Balkan nach dem Zerfall Jugoslawiens und der Ethik von Geheimdiensten zu tun hat. In einem Buch hat der ehemalige britische Agent Richard Tomlinson behauptet, der MI6 habe Anfang der Neunzigerjahre geplant, den serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic zu ermorden.

Mister A kann hierzu nun tatsächlich etwas zu Protokoll geben. "Ich habe einen Vorschlag für den Ernstfall gemacht", sagt der Agent, der damals das Team des MI6 auf dem Balkan leitete. Er habe allen Ernstes und in gutem Glauben die Idee eines Anschlags formuliert. Dabei sei es aber auf keinen Fall um Milosevic gegangen, sondern um einen der "extremen nationalistischen Führer" der Serben. Der Name des potenziellen Anschlagsziels gilt aber als Staatsgeheimnis und darf vor Gericht nicht genannt werden. Den Attentatsplan wollte Mister A im Fall eines Coups gegen Milosevic und der Machtübernahme der Ultranationalisten umsetzen. Angesichts ethnischer Säuberungen habe er die Idee für legitim gehalten, sagt Mister A. Ein Anschlag hätte noch Schlimmeres verhindert. "Ich habe eine Analogie mit Deutschland 1932 gesehen, dem Jahr vor Hitlers Machtübernahme." Seine Chefs in London hätten seinen Plan aber rasch verworfen.

Öffentlich sichtbar ist der Agent bei dieser Aussage nicht. Um seine Identität zu schützen, sind Zuschauer und Journalisten im Gerichtssaal nicht zugelassen. Über Lautsprecher verfolgen sie die Verhandlung in einem Zelt im Hof der Londoner Royal Courts of Justice.

An der Aufarbeitung des Balkan-Themas ist vor allem der Anwalt des ägyptischen Multimillionärs Mohamed al Fayed interessiert. Al Fayed wirft dem MI6 vor, seinen Sohn Dodi und Diana umgebracht zu haben - auf Betreiben Prinz Philips. Der Ehemann der Queen, laut al Fayed ein notorischer Rassist, habe verhindern wollen, dass die ehemalige Frau seines Sohnes Charles sich mit einem muslimischen Emporkömmling einlasse. Um diese Vorwürfe belegen zu können, hat der Besitzer des Luxuskaufhauses Harrods eine öffentliche Untersuchung gefordert, die ihm im vergangenen Jahr gewährt wurde. Denn auch nachdem die britischen und französischen Behörden ihre Ermittlungen ohne Hinweise auf einen Mord abgeschlossen hatten, waren die Verschwörungstheorien um jenen Unfall in der Nacht zum 31. August 1997 im Pariser Alma-Tunnel nicht verstummt.

Damit nach dieser Untersuchung kein Zweifel mehr bleibt, werden nun sogar Agenten vorgeladen. Mister A ist nur einer von vielen, die in dieser Woche noch in den Zeugenstand treten. Al Fayeds Anwalt will dabei zeigen, dass der MI6 entgegen dem eigenen Beteuern durchaus Anschläge als Teil seines Repertoires sieht, und damit die These eines Mords an der Prinzessin und dem Millionärssohn stützen. Immerhin wird ihm bestätigt, dass die Idee des Mister A kurzzeitig den Status eines Vorgangs in der MI6-Zentrale erlangt hatte.

Die Anwälte der Gegenseite wollen zeigen, dass Anschläge beim britischen Geheimdienst tabu sind. Mister A bestätigt ihnen das aus eigener Erfahrung: Dass der MI6 keine Politik der Attentate verfolge, "war die Lektion, die ich aus dieser Episode gelernt habe", sagt der Agent.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben