Politik : Briten an Morden in Nordirland direkt beteiligt

Protestantische Attentäter erhielten Hilfe von Londoner Geheimdienst

Martin Alioth

Dublin. Der Sicherheitsdienst (special branch) der nordirischen Polizei und der militärische Geheimdienst der Briten in Nordirland haben in den späten achtziger Jahren eng mit der verbotenen protestantischen Untergrundorganisation UDA (Ulster Defence Association) zusammengearbeitet. Nicht nur das. Sie waren sogar selbst in Morde an unbeteiligten Zivilisten verwickelt. Zu diesem brisanten Schluss kommt der höchste Polizeioffizier des Vereinigten Königreichs, Sir John Stevens, Kommandant von Scotland Yard. Seine Untersuchung dauerte insgesamt 13 Jahre und produzierte 4,1 Tonnen Papier. Am Gründonnerstag veröffentlichte Stevens allerdings nur einen 20-seitigen Auszug aus seinem jüngsten, dritten, Zwischenbericht, der allein 3000 Seiten umfasst. 57 Anklage-Dokumentationen wurden an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

Stevens kritisierte den Umgang dieser staatlichen Einheiten mit dem Rechtsstaat als „Desaster“ und beklagte sich, er sei von Anfang an in seiner Fahndung behindert worden – sowohl von der nordirischen Polizei wie auch von der britischen Armee. Diese Obstruktion sei „kulturell“ begründet, meinte er. Allerdings bezeichnete Stevens die Kollaboration mit protestantischen Killerkommandos an keinem Punkt als systematisch. Er prüft derzeit noch, auf welcher Entscheidungsstufe damals die Kollaborationsentscheidungen gefällt wurden.

Das prominenteste Opfer der Verschwörung war der Anwalt Pat Finucane, der 1989 vor den Augen seiner Familie ermordet wurde. Der militärische Geheimdienst hatte im Voraus Kenntnis von diesem Attentat und hätte es verhindern können, sagte Stevens. Ja, noch mehr: Der militärische Spitzel Brian Nelson amtierte als Nachrichtenchef der UDA und fütterte die Mörder mit staatlichen Angaben über Finucane. Nelson starb vorige Woche – dem Vernehmen nach eines natürlichen Todes. Der Mann, der die Mordwaffe besorgt hatte, William Stobie, wurde vor etwas mehr als einem Jahr von seinen Spießgesellen ermordet.

Die von Stevens unterbreiteten Einsichten sind in sich nicht ganz neu. Die offizielle Bestätigung der Erkenntnisse aber schon. Der britische Staat wird damit – zumindest in der Vergangenheit – vom ehrlichen Makler zum Kombattanten im Nordirlandkonflikt. Die staatlich geduldeten Morde könnten diesen Konflikt sogar beträchtlich verlängert haben.

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