Wahlkampfbeobachter (23) : Der Wahl-o-mat schockt

Bei manchem kommen erstaunliche Ergebnisse zutage, wenn er den Wahl-o-mat bedient. Doch hält diese Maschine uns nur unsere eigenen Widersprüche vor die Nase und zwingt zum Nachdenken: Welche ist denn wirklich die Lieblingspartei?

von
Der Wahl-o-mat bringt manchmal erstaunliches zutage.
Der Wahl-o-mat bringt manchmal erstaunliches zutage.Foto: dpa

Na, heute schon über sich selbst gewundert? Nein? Dann haben Sie noch nicht den Wahl-o-mat bedient. Das Computerspiel der Bundeszentrale für politische Bildung verspricht – augenzwinkernd, aber immerhin –  eine Art parteipolitisches Selbstporträt: Sage Du mir bei einer Reihe von Themen,  was Du denkst – dann zeige ich Dir Deine Lieblingspartei.

Das Ergebnis fällt gerne mal überraschend aus. Man muss als gefestigter Demokrat ja schon froh sein, nicht als heimlicher NPD-Anhänger geoutet zu werden. Aber selbst wenn einem die Maschine derlei Schocks erspart, kommt nur selten die Partei als Favoritin raus, die einer sich in gut zwei Wochen anzukreuzen halbwegs vorgenommen hatte.

Der Wahl-o-mat ist ziemlich vertrauensselig

Das ist eigentlich nicht schwer zu erklären. Der Wahl-o-mat ist ein sehr vertrauensseliges Programm. Seine Schöpfer haben sich die Wahlprogramme geschnappt – diesmal die auf Papier gedruckten – und daraus ihre Fragen destilliert: Sind Sie für oder gegen Steuererhöhungen für Wohlhabende, für oder gegen Autobahngebühren für Ausländer ... ? Je nach Antwort wird ein Punkt für eine der Parteien fällig, das Ergebnis errechnet sich dann als Sieger nach Punkten.

Der elektrisch betriebenen Rumpfintelligenz der Maschine freilich fehlt die Phantasie für die Vorstellung, dass es der Horst Seehofer mit der Autobahnmaut so blutig ernst womöglich gar nicht gemeint haben könnte, oder, um ein bereits historisches Beispiel zu nehmen, die FDP mit der Riesensteuerreform. Die Maschine nimmt die guten Vorsätze und bunten Versprechungen wörtlich. Sie kann  nicht anders. Wir leidgeprüften Wähler schon. Wenn wir zum Beispiel eine Riesensteuerreform  ganz gut fänden, wäre das für uns noch lange kein Grund, auf so ein Versprechen schon wieder reinzufallen.

Unser Wahlverhalten ist eine komplizierte Angelegenheit

 Also: Nicht so ernst nehmen, diesen Automaten. Tja. Naja. So weit, so gut. Nur: Warum nagt bei unsereinem trotzdem etwas, wenn wir auf unser wahlomatisches Ebenbild schauen? Das Ding erzeugt eine leise Irritation. Sollte ich mich so in mir selbst getäuscht haben? Fälle ich, die Krone der Schöpfung und des Geistes, womöglich gar keine rein sachlich begründete Wahlentscheidung?


  Tatsächlich spricht einiges dafür, dass unser aller Wahlverhalten eine ziemlich komplizierte Angelegenheit ist. Gewiss, wir kreuzen  nicht mehr einfach die Partei an, die unsere Eltern immer schon gewählt haben. Aber kreuzen wir nicht, Wechselwähler hin und her, am liebsten die Partei an, die wir immer schon gewählt haben? Und kriegen prompt ein schlechtes Gewissen, wenn wir uns einmal – obgleich taktisch wie sachlich gründlich hin und her gewogen  – parteipolitisch seitensprüngig werden? Finden wir beim Fernsehduell die rechts oder den links im Bild wirklich deshalb besser, weil sie/er so viel überzeugender sind? Oder wollen wir uns überzeugen lassen?

Vielleicht ist der Wahl-o-mat doch keine dumme Maschine

Traditionen sind hartnäckig, auch wenn sie nicht mehr so heißen. Außerdem will der Mensch mit sich selbst im Einklang leben. Die Demoskopen befragen am Wahltag für ihre Fernsehprognosen viele Wähler, wo sie gerade ihr Kreuz gemacht haben. Dabei fragen sie dann nebenbei auch noch, was die denn beim letzten Mal gewählt haben. Theoretisch müsste das Wahlergebnis vor vier Jahren rauskommen. Kommt aber nicht. Sondern etwas, was näher beim aktuellen Ergebnis liegt. Wenn es darum geht, mit uns selbst nicht in Widerspruch zu geraten, täuscht uns kurzerhand sogar unser eigenes Gedächtnis.

Vielleicht ist dieser Wahl-o-mat also gar keine so dumme Maschine, sondern bloß eine, hinter deren eingebauter Dummheit eine tiefere Klugheit steckt? Das Ding hält uns unsere eigenen Widersprüche vor die Nase. Und eigene Widersprüche sind immer ein Grund,  noch einmal nachzudenken über die  vermeintliche, die wirkliche und die richtige Lieblingspartei. Schließlich haben wir, auch vor uns selbst, hierzulande Wahlfreiheit.

41 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben