Politik : Bündnis gegen Terror: Freunde oder Feinde

Malte Lehming

Was ist es nur? Was verleiht diesem Mann eine solch beeindruckende, Respekt einflößende Aura? Wenn Colin Powell, Amerikas Außenminister, den Raum betritt, richten sich die Oberkörper der Menschen unwillkürlich auf. Es wird still, noch bevor um Stille gebeten wird. Wenn er dann zu reden beginnt - ruhig, konzentriert, eindringlich -, verstärkt sich der Eindruck noch. Der Begriff dafür heißt "natürliche Autorität". Auch George W. Bush, der US-Präsident, konnte sich vor vier Jahren, als Gouverneur von Texas, dem Bann dieses Mannes nicht entziehen. Auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung, an der Powell teilnahm, ging Bush spontan auf den ehemals ranghöchsten US-Offizier zu, salutierte und sagte: "General! Der Bundesstaat Texas ist einsatzbereit."

Legendär ist auch die Rede Powells auf dem Republikaner-Parteitag im August 2000 in Philadelphia - mitten im Präsidentschaftswahlkampf. Überraschend kritisch forderte er die Delegierten auf, sich Minderheiten und besonders Schwarzen zu öffnen. Er plädierte für die Beibehaltung des Quotensystems und die Legalisierung der Abtreibung. Derart liberale Töne waren bis dato selten auf einem Treffen der "Grand Old Party" zu hören. Trotzdem wurde er mit Ovationen bedacht, und kein anderer als Bush orakelte: "Colin Powells wichtigster Dienst für Amerika steht noch bevor."

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Ihm vertrauen die Amerikaner

Vielleicht ist die Zeit jetzt gekommen. Denn Powell steht vor der größten Herausforderung seines Lebens. Sicher, er hat sich schon oft bewährt: Als Soldat hat er in Vietnam gekämpft, er stand in Südkorea, war an der Planung der Invasion Granadas beteiligt. Seinen Ruf wiederum erwarb er sich als Generalstabschef während des Golfkrieges. Powell war es, der - allerdings nach anfänglichen Bedenken - den Aufmarschplan gegen Saddam Hussein entwarf, die militärischen Optionen formulierte, die Strategie des "Wüstensturms" bestimmte. Ihm vertrauten die Amerikaner, ihn bewunderten sie später für seinen Erfolg. Er war sogar einmal als Präsidentschaftskandidat im Gespräch und ist noch immer einer der populärsten Politiker Amerikas.

Die Aufgabe aber, mit der sich der 66-Jährige in diesen Tagen konfrontiert sieht, stellt an Schwierigkeit das alles in den Schatten. Powell muss ein breites, tragfähiges Bündnis gegen das Terror-Netzwerk von Osama bin Laden schmieden, der inzwischen als Hauptverdächtiger der Anschläge benannt wurde. Als es vor zehn Jahren gegen den Irak ging, war die Lage vergleichsweise klar. Es gab einen lokalisierbaren Aggressor, einen Staat, eine Armee. Außerdem hatte sich Saddam Hussein mit seinem Überfall auf Kuwait auch unter Arabern nicht gerade beliebt gemacht. Diesmal ist die Lage komplizierter. Das Netzwerk bin Ladens soll sich über 34 Länder spannen, von West-China über die Philippinen bis nach Algerien.

Die Konturen der amerikanischen Strategie zeichnen sich erst langsam ab. Ihre Anfangs-Phasen heißen: fokussieren, isolieren, eliminieren. Ganz oben auf der Fadenkreuz-Liste steht Osama bin Laden, der sich vermutlich in Afghanistan aufhält und von den dort herrschenden Taliban-Milizen nicht ausgeliefert wird. Um bin Laden zu fassen, sind die USA vor allem auf Geheimdienstinformationen angewiesen, über die sie selbst nicht verfügen. Sie brauchen Unterstützung, egal von wem und woher. Der Zweck heiligt die Mittel. Drei Länder haben das Taliban-Regime bislang anerkannt: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Pakistan. Alle drei wurden von Powell bereits kontaktiert. Pakistan, mit seinen Verbindungen zur Taliban und seiner fast 3000 Kilometer langen Grenze nach Afghanistan, kommt dabei eine Schlüsselposition zu.

Am Freitag, unmittelbar nach dem Gedenkgottesdienst in der Kathedrale von Washington, sprach der US-Außenminister sogar mit führenden syrischen Diplomaten. Syrien steht zwar, wie viele andere islamische Staaten, ebenfalls auf einer Terror-Unterstützer-Liste. Aber das zählt zur Zeit nicht. Selbst der Iran, zu dem Amerika seit 20 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr hat, werde nicht von vornherein ausgeschlossen, heißt es. Lediglich Algerien, Irak und der Sudan sind definitiv davon ausgeschlossen. Beide Länder könnten auch zum Ziel eines Gegenschlags werden.

Auch Russland in einer Schlüsselrolle

Ihre politischen und diplomatischen Ziele verfolgt die US-Administration so beharrlich wie effektiv. Das nordatlantische Bündnis beschloss den Verteidigungsfall, der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Anschläge, der Kongress gab der Regierung volle Rückendeckung. Äußerst positiv entwickeln sich offenbar auch die Kontakte nach Moskau. Russland kommt, neben Pakistan, die zweite Schlüsselrolle in der Bekämpfung Osama bin Ladens zu.

Vize-Außenminister Richard Armitage wird dort in dieser Woche, begleitet von Mitarbeitern des Pentagon und des Nationalen Sicherheitsrates, zu Gesprächen erwartet. Es geht um die Nutzung russischer Militäranlagen in Tadschikistan und Usbekistan. Beide Ex-UdSSR-Staaten grenzen an Afghanistan. Hinzu kommt, dass Russland mit Afghanistan noch eine Rechnung offen hat. Außerdem erhalten angeblich auch die tschetschenischen Guerillas Geld, Waffen und Logistik aus Afghanistan. Und schließlich wurden vor zwei Jahren Anschläge auf Wohnhäuser in Moskau verübt. Man habe in bin Laden und den Taliban einen gemeinsamen Feind, tönt es aus dem Kreml.

Colin Powell geht ruhig, aber rastlos vor. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, signalisiert er den erwünschten Bündnispartnern. Einen Mittelweg gibt es nicht. "Wir werden das Netzwerk der Terroristen zerreißen", sagt er. "Und wenn wir damit fertig sind, werden wir den weltweiten Angriff gegen den Terror fortsetzen."

Da ist er plötzlich wieder, mittendrin im Geschehen, die Zügel fest in der Hand. Dabei war er in dieser Position so flehentlich vermisst worden. Noch vor kurzem hieß es, der gemäßigte Powell reibe sich innerhalb der strikt konservativ und unilateralistisch ausgerichteten Regierung auf. Immer öfter werde er von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, Vizepräsident Dick Cheney und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice düpiert.

Seit Wochen wirke Powell daher lustlos und ziehe sich immer stärker aus der Öffentlichkeit zurück. Der Superstar sei zum Statisten degradiert worden. Statt seiner war Rice nach Moskau gefahren, um mit Putin über den ABM-Vertrag zu sprechen. Statt mit ihm zu telefonieren, lässt sich Bush täglich von Rice beraten, die ohnehin fast immer an der Seite des Präsidenten zu sehen ist. Powell schien kalt gestellt zu sein.

All das ist seit Dienstag vergessen. Bereits am Tag nach den Anschlägen kündigte Powell an, ein großes Bündnis formen zu wollen. Angeblich soll sich Rumsfeld dagegen für eine schnelle militärische Aktion ausgesprochen haben. Doch Powell setzte sich durch. Der Mann aus der Bronx, der immer der Erste war - der erste schwarze Sicherheitsberater (1987), der erste schwarze Generalstabschef (1989), der erste schwarze Außenminister (2001) -, war es auch, der als Erster aus der Regierung bin Laden als Hauptverdächtigen benannte. Colin Powell ist zurück.

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