Bürgermeister von Schmölln : "Von der Größe des Echos bin ich überrascht"

Die Information kam vom Bürgermeister: Ein Flüchtling in Schmölln sei von Anwohnern womöglich zum Suizid aufgefordert worden. Jetzt spricht Sven Schrade über die Reaktionen.

Jonas Schaible
Der Schmöllner Bürgermeister Sven Schrade (SPD) sagt, er sei überrascht, welche Reaktionen seine Aussage auslöste.
Der Schmöllner Bürgermeister Sven Schrade (SPD) sagt, er sei überrascht, welche Reaktionen seine Aussage auslöste.Foto: dpa

Am Freitag hat sich im thüringischen Schmölln ein jugendlicher Flüchtling durch einen Sprung aus dem Fenster seiner Unterkunft selbst getötet. Der Bürgermeister der Stadt, Sven Schrade (SPD), berichtete auf einer Pressekonferenz, der Träger der Unterkunft habe von Anfeuerungsrufen durch Passanten erzählt. Mittlerweile teilte die Polizei mit, sie gehe nicht mehr davon aus, dass der Mann zum Sprung aufgefordert wurde. Im Interview erklärt Sven Schrade, warum er die Öffentlichkeit bereits so früh informiert hat.

Herr Schrade, Sie haben nach dem Suizid eines Flüchtlings am Samstag gesagt, der junge Mann sei womöglich von Passanten aufgefordert worden, zu springen. Daran gibt es nun Zweifel. Die Polizei geht mittlerweile nicht mehr davon aus, dass es so war. Was wissen Sie?

Wir haben keine neuen Informationen. Wir sind dafür aber auch nicht zuständig. Die Ermittlungen liegen bei Polizei und Staatsanwaltschaft.

Bodo Ramelow, Thüringens Ministerpräsident, sagte heute, wenn es überhaupt passiert sei, sei der Mann wohl aufgefordert geworden, in ein Sprungtuch zu springen.

Herrn Ramelows Aussagen kann ich weder bestätigen noch dementieren, weil ich nicht vor Ort war. Wir haben vom Träger gehört, dass solche Äußerungen gefallen sein sollen. So habe ich das dann am Samstag auf der Pressekonferenz gesagt.

War das ein Fehler?

Es ist immer ein schmaler Grat: Gibt man Informationen an die Öffentlichkeit oder nicht? Ich hatte eine bestätigte Aussage vom Träger und keinen Grund, das in Frage zu stellen. Ich denke, dass es unsere Aufgabe ist, transparent zu machen, wenn uns mitgeteilt wird, dass so etwas offenbar gehört wurde. Leider wurde teilweise unzulässig verkürzt: Manchen Medien haben kolportiert, ich hätte eine Feststellung getroffen, dabei habe ich bewusst im Konjunktiv gesprochen.

Waren Sie wirklich überrascht, dass es darauf so viele Reaktionen gab?

Ich verstehe, dass sich viele zu einer solchen Situation äußern, aber ja, von der Größe des Echos bin ich überrascht. Wir sind hier alle überrascht. Auch von den Anfeindungen übrigens: Ich habe mehrere Hass-Mails bekommen - da habe ich schon geschluckt.

Die anderen elf Flüchtlinge in der Unterkunft haben die Gerüchte vermutlich mitbekommen. Bewohner der Stadt klagen andererseits, Schmölln werde in ein falsches Licht gerückt. Wie gehen Sie damit um?

Wir stehen bisher in engem Kontakt zur Leitung der Unterkunft. Ich werde auch noch mit den Bewohnern sprechen, aber möchte nicht, dass die Unterkunft zur Pilgerstätte wird. Demnächst finden reguläre Einwohnerversammlungen in den Ortsteilen statt. Da werden wir dann auch bereitstehen, um Fragen zu beantworten.

Der Tagesspiegel berichtet nur ausnahmsweise über Selbstmorde. Und zwar in Fällen von besonderem öffentlichen Interesse. Hilfe finden Menschen mit Suizidgedanken bei der Berliner Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (gebührenfrei).

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