Politik : Bürgermeisterwahlen in Frankreich: Härtetest für Chirac und Jospin

Bei der ersten Runde der Kommunalwahlen in Frankreich zeichnete sich am Sonntagmittag eine solide Beteiligung ab. Nach Angaben des Pariser Innenministeriums wurde bis zum Mittag in den 36 500 Städten und Gemeinden eine Beteiligung von 20,57 Prozent registriert. Der Wahlgang gilt als Härtetest für den gaullistischen Staatschef Jacques Chirac und die Linksregierung des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin. Das Hauptinteresse richtete sich auf die rechte Hochburg Paris, in der die Linken erstmals seit 24 Jahren die Macht übernehmen können. Der Wahlgang, der am kommenden Sonntag in die zweite Runde geht, war von einer bahnbrechenden Neuerung gekennzeichnet: Nach einer im vergangenen Jahr verordneten Quotenregelung besetzten die Frauen die Hälfte der Listenplätze. Sie werden damit künftig deutlich stärker in der Kommunalpolitik vertreten sein.

Rund 40 Millionen Wahlberechtigte waren aufgerufen, landesweit eine halbe Million Stadt- und Gemeinderäte neu zu bestimmen. Bei der Wahl in der Hauptstadt ging der Spitzenkandidat der Sozialisten, der Jospin-Vertraute Betrand Delano, als klarer Favorit gegen die zerstrittene Rechte ins Rennen. Umfragen zufolge hatte der 50-Jährige einen deutlichen Vorsprung gegenüber dem rechten Konkurrenten Philippe Seguin, der für die RPR-Partei Chiracs antrat. Es wurde damit gerechnet, dass die Linke, die bisher sechs der 20 Pariser Stadtbezirke regiert, mehr als die Hälfte erobern wird. Dem amtierenden konservativen Bürgermeister Jean Tiberi, der mit einer eigenen Liste antrat, wurden keine Chancen eingeräumt. Wegen zahlreicher Korruptionsaffären war er im Herbst aus der RPR-Partei ausgeschlossen worden.

Die Vorentscheidung über den neuen Bürgermeister fällt voraussichtlich erst im zweiten Durchgang am kommenden Sonntag, wenn die relative Mehrheit ausreicht. Endgültig gewählt wird er von den Pariser Stadträten am 25. März. Der Verlust der Machtbasis Paris wäre für Chirac, der selbst 18 Jahre lang Bürgermeister war, eine herbe Niederlage und würde seine Chancen auf eine Wiederwahl als Staatschef im Frühjahr 2002 deutlich mindern.

Nicht nur in Paris, sondern auch im landesweiten Trend wurde mit Erfolgen für die regierenden Sozialisten und Verlusten der rechtsbürgerlichen Opposition gerechnet, die bereits bei den Europawahlen 1999, bei den Regionalwahlen 1998 und bei den Parlamentswahlen 1997 Verluste einstecken musste. Auch in Lyon, der drittgrößten Stadt Frankreichs, zeichnete sich ein Machtwechsel zu Gunsten der Sozialisten ab - das rechte Lager war über die Nachfolge des 76-jährige Ex-Premiers Raymond Barre zerstritten. In Marseille und Bordeaux wurden der Linken jedoch keine Chance eingeräumt, während sie im nordfranzösischen Lille und im elsässischen Straßburg als klare Favoritin galt. In mehreren Städten traten amtierende Minister der regierenden Linkskoalition an, so in Avignon, Beziers und Dle.

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