Bundespräsidentenwahl : Auf zur parlamentarischen Monarchie

Der Auswahlprozess für den nächsten Bundespräsidenten hat politische Machtkämpfe ausgelöst. Verlaufen solche Entscheidungen andernorts auch so hektisch, oder könnte Deutschland etwas von seinen Nachbarn lernen?

Stephen Bench-Capon

Horst Köhler hat zwei Kinder. Das hätte eigentlich für eine Nachfolge ausreichen können. Aber nicht in Deutschland. Da folgte nach dem Rücktritt Köhlers vom Bundespräsidentenamt ein parteipolitisches Gezänk, ein Machtkampf. In Großbritannien spart man sich das alles und nimmt einfach den Sohn. Oder den Bruder. Oder wenn gar keine Männer vorhanden sind, nimmt man halt die Tochter. Ist ja auch okay. Hauptsache: Alles wird nach Regeln gemacht, was ja eigentlich zu deutscher Fairness passen müsste.

Aber leider hinken die Deutschen immer hinterher. Die Engländer stempelten schon 1215 ihre Magna Charta ab. Erst 754 Jahre später wurde das Grundgesetz verfasst. Auch der DFB-Pokal wurde zum ersten Mal 1935 ausgetragen, 63 Jahre nach dem ersten FA-Cup-Finale. Es mag erwartungsgemäß sein, ist aber dennoch enttäuschend, dass sich die Bundesrepublik immer noch nicht zu einer modernen parlamentarischen Monarchie entwickeln möchte. Solche Verschlafenheit kann auch folgenschwer sein. Das weiß jeder, der im Jahr 2000 Lothar Matthäus' Einsatz als Libero bei der EM erlebte. Den bestraft das Leben.

Wer es gut macht, soll weiter machen

Das englische System ist nicht perfekt. Köhlers Rücktritt wäre auch da nicht zu verhindern gewesen. 1936 haute König Eduard VIII nach nur 10 Monaten ab, da er eine zweimal geschiedene Frau heiraten wollte. Es kann passieren. Dennoch wird es statistisch gesehen viel öfter schief gehen, wenn man auch die willigen nach fünf oder zehn Jahren von der Bühne fegt. Queen Elisabeth II hat schon mehr als 55 Jahre hinter sich. Und ihr geht es gut so. Zudem gelingt es mit einer längeren Amtszeit häufiger, ein bisschen Profil zu bekommen. Oder etwa Respekt.

Und Personalentscheidungen sollte man ernst nehmen, auch wenn sie nur für fünf Jahre ist. Beim deutschen Auswahlverfahren verlässt man sich aber einfach auf die Willkür der Kanzlerin und ihrer Bande, statt auf eine Gottesentscheidung. Manche glauben zwar, Könige und Zaren seien nicht persönlich vom Allmächtigen auserwählt. Thronfolger haben aber auf jeden Fall mehr als 30 Tage, um sich aufs Staatoberhaupt-Sein einzustellen und vorzubereiten, denn sie werden in die Rolle hineingeboren. Wenn Adel nicht im Gesetz vorausgesetzt wird, wird das Staatsoberhaupt meistens ins kalte Wasser geworfen.

Staatskrisen sehen anders aus
"Merkel warnte Köhler vor Staatskrise", hieß es im Spiegel am 1. Juni. Staatskrise? 1066 mussten mehrere Schlachten geschlagen werden, bis man herausbekommen hat, welcher von Harald Godwinson, Harald Hardråde und Wilhelm dem Eroberer Gottes Wahl war. Im Vergleich ist eine Bundesversammlung ein ziemliches Kinderspiel. Im 15. Jahrhundert kam es in England zu den Rosenkriegen, als die Adelshäuser York und Lancaster um den Thron kämpften. Kriege sind nie etwas Schönes. Damals entschieden sie aber wenigstens die Nachfolgerfragen, statt wie der heutige Afghanistan-Konflikt das ganze Chaos auszulösen.

Eine Problematik entsteht natürlich, wenn der geborene Nachfolger ein Tölpel ist. Auf der Insel macht man sich schon Sorgen, dass Prinz Charles als King Charles bei seinen Äußerungen zu Städteplanung und Edelwürstchen alle Hemmungen fallen lassen wird. Eine Überraschung wird das aber nicht sein. Seit seiner Geburt hat das Land bereits 61 Jahre Zeit gehabt, sich aufs Schlimmste vorzubereiten. Besser als ein Monat, in dem man eh Wichtigeres zu tun hat. Es gibt nur einen Trost: Der 30. Juni ist ein spielfreier WM-Tag. Wir werden die Viertelfinals nicht verpassen.

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