Politik : Bundeswedel

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Das Grundgesetz, wie meistens Prosa von Bedeutung, fasst sich kurz. Aber selbst für Grundgesetzverhältnisse ist der Artikel 22 knapp gehalten, nur noch untertroffen vom Artikel 102: „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“ Der 22er ist nicht ganz so wichtig, aber fast so kurz: „Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.“ Das ist nicht nur als Tipp für die Stoffindustrie gedacht. Im Strafgesetzbuch steht der Paragraf 90 a und bedroht die Verunglimpfung der Bundesfarben mit bis zu drei Jahren Haft. Was Verunglimpfung ist – schwierig. Wenn einer sein Proleten-Blech in dieser Farbenkombi spritzlackiert und, während der Bass durch die Kotflügel wummert, an jeder Ampel Gummi gibt? Wir haben aber schon mal so einen gesehen ohne Polizeiwagen mit Blaulicht im Schlepptau. Scheint nicht strafbar zu sein. Oder nur dann, wenn der Besitzer frühmorgens zum Klang der Hymne vor seiner Karre salutiert? Verunglimpfung wäre dann so etwas wie Zweckentfremdung. Nun ist diese beim PS-Boliden leicht festzustellen, weil man in etwa weiß, wofür er ursprünglich gedacht ist. Anders beim Staubwedel. Dieses Ding am Stiel, mit dem die Hausfrau über den deckennah montierten Kronleuchter streicht, aber den Verdacht nie los wird, dass es den Staub nicht beseitigt, sondern nur aufwedelt. Der Wedel ist dadurch ein Symbol für den Reformeifer in der Politik. Von dem weiß man auch nie, wie viel bloßes Staubgewirbel ist. Wahrscheinlich hat Angela Merkel deshalb so laut gelacht, als sie im Hamburger Dorint-Hotel einen solchen Wedel entdeckte. Nur eine Frage treibt uns um: Ob das Gelächter nicht ein leichter Fall von Verunglimpfung war. Denn der Wedel war schwarz-rot-golden.

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