Bundeswehr : Afghanische Nächte

24 Stunden Bereitschaft, sieben Tage die Woche: Alltag der Quick Reaction Force in Masar-i-Scharif. 209 deutsche Soldaten kämpfen hier gegen Terroristen – und gegen die eigene Angst.

Carsten Stormer[Masar-i-Scharif]
Afghanistan
Bettlerinnen. Das Elend, dass die QRF-Soldaten sehen, ist "eine Nummer krasser", als sie es erwartet haben. -Foto: AFP

Ein Schuss, dann Stille. Die Gespräche verstummen, fragende Gesichter, angespanntes Horchen. Da hat doch jemand geschossen, sagt ein deutscher Hauptfeldwebel. Und wieder knallt es, ganz nah. Maschinengewehrsalven. Leuchtspurmunition zieht in der mondlosen Nacht rote Schweife in den Himmel, wie dutzende kleine Kometen. Genau dort, wo die Polizeistation der Afghanen liegt. In den engen Innenräumen der Panzerfahrzeuge zwängen sich deutsche Soldaten in schusssichere Westen, entsichern Sturmgewehre und fragen sich, was draußen los ist.

Draußen. Im grünen Bild der Wärmesuchgeräte tauchen drei Gestalten auf, sie tragen Turbane, rennen, stolpern. Es sind Bauern, die in der späten Abendstunde ihre Felder bearbeiten - und sich ebenso erschrocken haben wie die deutschen Soldaten der schnellen Eingreiftruppe, die hier auf Patrouille sind.

Felix Krämer * klemmt sich "Lucie" vor die Augen, das Nachtsichtgerät, das die afghanische Nacht in krisselige grüne Schemen verwandelt. Dann fährt er los, querfeldein, über Äcker und Furchen, ohne Licht, immer tiefer hinein ins Dunkel, dorthin, woher die Schüsse kamen.

Nicht besetzen, nicht kneifen - wo ist da die Mitte?

Krämer ist Oberstabsgefreiter der Quick Reaction Force (QRF), der schnellen Eingreiftruppe der Bundeswehr in Afghanistan. Jener hoch spezialisierten und gut ausgerüsteten Truppe, die seit Sommer 2008 den Norden des Landes sichern, befrieden und zur Not auch auf Terroristen schießen soll. Eine Art Feuerwehr im Kampf gegen den Terror. 209 Männer, verantwortlich für neun Provinzen, 119 Distrikte, 1 867 000 Menschen, 162 000 Quadratkilometer - maximale Nord-Süd-Ausdehnung des Gebiets: 400 Kilometer, von Ost nach West sind es 1200. Sie sollen den sogenannten Wiederaufbau hier schützen, der eigentlich ein Aufbau ist, weil es all die Brunnen, Straßen oder Schulen vorher gar nicht gegeben hat. Und sie eilen zu Hilfe, wenn Kameraden oder Verbündete, Norweger, Schweden, Ungarn, Amerikaner oder Afghanen angegriffen werden.

"Kucken und Petzen", nennt Krämer das - und es hat nichts Ironisches, wenn er das sagt. Es ist ein Drahtseilakt für die QRF - nicht als Besatzer auftreten, aber auch nicht kneifen, wenn es gefährlich wird. "Klar, wenn jemand eine Rakete auf uns abfeuert, dann schießen wir zurück", sagt Krämer. Sonst würde keiner die QRF ernst nehmen.

Felix Krämer knabbert auf seiner Unterlippe, und aus der Dunkelheit schälen sich langsam die Umrisse der Polizeistation: hohe Lehmmauern, Türme, wie eine mittelalterliche Festung. Der Hauptmann funkt Befehle: "Charlie eins, Sie gehen in die Station." Krämers Panzerwagen sperrt die Straße ab. Warten. Nach einigen Minuten krächzt Charlie eins aus dem Funkgerät: Die afghanischen Polizisten haben nur mal ihre Waffen testen wollen.

Das Lager nennen sie "Murmelland"

Anspannung weicht Ausgelassenheit. "Waffen testen. Von wegen, denen war nur langweilig", sagt der Hauptmann. "Stumpf ist Trumpf", sagt Krämer und grinst. Besser nicht nach dem tieferen Sinn einer sinnlosen Ballerei im Krieg fragen. Den Rest der Nacht bleibt es ruhig. Um acht Uhr morgens rollt die Patrouille wieder in Camp Marmal ein, dem deutschen Hauptquartier in Nordafghanistan - nach 16 Stunden Dienst. Frühstück, duschen, schlafen - in ein paar Stunden beginnt die nächste Patrouille.

So vergehen die Tage. Morgen ist wie heute, wie gestern, wie immer. Es ist ein abwechslungsreiches Leben und ein ödes zugleich. Weil sie immer die gleichen Abwechslungen haben. 24/7 nennen es die Soldaten der QRF. 24 Stunden Bereitschaft, sieben Tage die Woche, vier Monate lang. Das zehrt an den Kräften.

Felix Krämer sitzt im Betreuungszelt seiner Einheit, das Gesicht fahl wie Marmor. Er ist der Träumer seiner Einheit, ein neugieriger, kopfschwerer, aber lebenslustiger 22-Jähriger mit einem Jungengesicht und rotbraunem Bart. Immerhin kommt man raus aus dem Lager, sieht etwas von Afghanistan und seinen Menschen, im Gegensatz zu den meisten der 2000 in Camp Marmal stationierten Soldaten. Weshalb das Lager auch abfällig "Murmelland" genannt wird. Wegen der vielen Betreuungseinrichtungen, der drei Bars, in denen es deutsches Bier zu Weißwürsten gibt und Bud-Spencer-Filme laufen - in der "Oase", im "Beachclub" oder "Planet Masar". Weil Beamte in Uniform hier ihre Zeit abdienen, um befördert zu werden, oder einfach nur wegen der Auslandszulage von 110 Euro am Tag nach Afghanistan wollten - aber in all den Monaten nie mit einem Afghanen gesprochen haben.

In der QRF ist keiner freiwillig hier

Felix Krämer ist hier, weil ihn seine Vorgesetzten für den Einsatz ausgewählt haben. Freiwillig hat er sich nicht gemeldet. Keiner in der QRF ist freiwillig hier. Sie sind Berufssoldaten und für solche Einsätze ausgebildet. Und jeder ist sich der Gefahr bewusst, die dieser Einsatz bedeutet.

Nach Angriffen auf deutsche Patrouillen und wenn Kameraden verletzt werden, die man kennt, dann muss der Kommandeur seinen Leuten die Wut aus dem Bauch reden. Und jeder muss sich zwingen, freundlich zu bleiben, den Kopf frei zu halten. Sonst drückt einer ab, aus Angst und Unsicherheit; weil plötzlich aus jedem Bartträger ein Taliban wird und jeder Benzinkanister zu einer Sprengfalle. Felix Krämer sagt: "Es ist richtig, dass wir hier sind."

2008 war das Jahr mit den meisten Anschlägen auf die Bundeswehr. Aber Angst? "Angst hat jeder", sagt Krämer, "doch die kann man verdrängen, die Gegend um Masar-i-Scharif ist relativ ruhig." In den zwei Monaten, seit er hier ist, passierte nicht viel. Ohnehin köchelt der Krieg im Winter auf kleiner Flamme. Und die Afghanen, denen er bisher begegnete, waren alle freundlich. "Man darf nicht in jedem einen Attentäter sehen oder durchdrehen, wenn mal ein Auto zu nahe auffährt."

Ein Ausflug in Afghanistans Zukunft

Es ist Nachmittag geworden, halb fünf, die nächste Patrouille. Krämer gähnt, schüttelt sich, als könnte er so die Müdigkeit vertreiben, in seiner Jackentasche steckt eine Dose Red Bull. Langsam schiebt sich der Konvoi aus gepanzerten Fahrzeugen durch das Tor und in den Abendverkehr von Masar-i-Scharif. Immer nach Westen, 70 Kilometer Straße abfahren. "Show of Force", heißt das in der Sprache der Armee, Präsenz zeigen.

Obwohl es nicht den Anschein macht, ist Masar-i-Scharif eine wohlhabende Stadt: Verlebte Häuser, Ruinen, stehen neben Bretterbuden und Neubauten. Hier findet man zumindest eine Ahnung davon, wovon der Rest des Landes träumt: Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, Landwirtschaft, Arbeit. Es ist vielleicht ein Ausflug in Afghanistans Zukunft. Das letzte Selbstmordattentat ist lange her, die Basare sind voller Waren und Menschen. In den Straßen drängeln sich Passanten und Eselskarren, Männer mit langen Bärten tauschen leise Worte und Wangenküsse, Frauen mit und ohne Burka bestaunen Hochzeitskleider in Schaufenstern, Taxis hupen, und vor der blauen Moschee füttern Familien weiße Tauben. "Das ist es, was wir schützen", sagt Krämer.

Es dämmert, als die Soldaten außerhalb von Masar-i-Scharif auf einem Feld eine Wagenburg bilden, sie stellen Feldbetten auf, wärmen auf einem Gaskocher ihr Abendessen: Cevapcici und Gulasch mit Kartoffeln. Rund um ihr Lager legen sie Bodenleuchtkörper aus, Lichtfallen, die die Nacht zum Tag machen, falls jemand an das Lager heranschleicht.

"Schon eine Nummer krasser, als man sich das vorgestellt hat"

Lagebesprechung vor dem Schlafengehen: Es gibt eine Attentatswarnung durch die örtliche Polizeistation. Und erst tags zuvor feuerten Unbekannte eine Panzerfaust auf das Nachtlager der Bundeswehr ab, sie schlug nur 200 Meter davon entfernt ein. "Vermutlich Kriminelle, keine Taliban", sagt der Hauptmann. "Gangsters Paradise", nennt er diesen Landstrich. Hier gibt es Schmuggler, Diebe, Drogenkuriere. "Die mögen es nicht, wenn wir sie bei ihren Geschäften stören."

Krämers Schicht beginnt um Mitternacht. Es friert, und auf den Schlafsäcken liegt eine feine Eisschicht, als die Soldaten aufwachen. Kurz darauf sitzt Krämer am Steuer und fährt immer geradeaus, ohne Licht, mit dem Nachtsichtgerät auf der Stirn, das keine Bodenwellen erkennt und schmerzhaft auf die Wangenknochen drückt. Stunde um Stunde. Um drei Uhr morgens lässt der Hauptmann Leuchtraketen abschießen. Zeigen, dass man da ist! Schweigen sinkt herab wie feiner Staub. Bloß nicht einschlafen.

"Alles klar bei Ihnen, Krämer?"

"Logisch, Chef."

Das ist es, was er Freundin, Familie und Bekannten zu Hause in Sachsen nicht richtig erklären kann. Die Anspannung, Belastung, Verantwortung; banale Dinge, wie am Steuer nicht einzuschlafen. Oder das, was er auf seinen Patrouillenfahrten sieht. Dieses Elend, das sich vor den Augen ausbreitet. Verhüllte Frauen, die im Matsch betteln. Dürre Kinder, denen Krankheiten das halbe Gesicht weggefressen haben. "Das ist schon eine Nummer krasser, als man sich das vorgestellt hat."

Volleybälle gegen die Langeweile

Besuch bei einer Polizeistation 30 Kilometer vom Lager entfernt. Die Sonne kriecht gerade über die schneebedeckten Gipfel des Hindukusch, und allen steckt die Kälte noch in den Knochen. Völkerverständigung. Fragen, wie es geht. Vor der Lehmhütte rostet ein alter sowjetischer Panzer. Krämer schiebt Wache. Der Hauptmann grüßt freundlich. Oberleutnant Ali Mohammad, 28, ein schlaksiger Paschtune, ist hoch erfreut, die Deutschen zu sehen, und bittet in die Stube - sechs Matratzen auf wackeligen Stockbetten, ein Eisenofen. Leider könne er keinen Tee anbieten, er lächelt verlegen. Probleme? Nein, Herr Hauptmann.

Nur manchmal piesacken ein paar Vermummte auf Motorrädern die Polizisten, rasen vorbei und schießen in die Lehmmauern der Station. Ob er wisse, wer hinter dem Anschlag vorgestern auf die Bundeswehr stecken könnte? "Keine Ahnung! Taliban, Diebe, egal, alles Verbrecher." Der Hauptmann schreibt mit, viel ist es nicht, das er in seinen Notizblock kritzelt.

Er hat ein Geschenk mitgebracht. "Krämer, kommen Sie mal", und Felix Krämer trägt Kisten mit warmen Decken in die Stube. Tashakur, danke, sagt Ali Mohammad. "Aber könnten Sie das nächste Mal bitte ein paar Volleybälle vorbeibringen? Sie wissen schon, gegen die Langeweile."

Felix Krämer fällt erschöpft in sein Bett in Camp Marmal. Im Regal stehen ein Hörbuch von Hape Kerkeling und eine Uschi-Obermaier-Biografie. Am Spind hängen Bilder seiner Freundin. Eigentlich wollte er sie noch anrufen, einen Brief an die Familie schreiben, doch dafür ist er zu müde. Am Abend Raketenwarnung, und der Auftritt des Elton-John-Imitators, der für die Soldaten im "Beachclub" singen sollte, ist abgesagt. Felix Krämer bekommt von alldem nichts mit.

*Der Name wurde auf Wunsch der Bundeswehr und des Soldaten geändert.

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