Politik : Bundeswehreinsatz: Wechsel des Schauplatzes

Markus Feldenkirchen

Bernhard Gertz ist jemand, der andere gerne ärgert, rein beruflich natürlich. Besonders gern ärgert der Chef des Bundeswehrverbandes Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, am liebsten den Minister selbst. Nach Weihnachten hat Gertz zugeschlagen. Jetzt weiß Rudolf Scharping wieder, was alles schiefläuft bei seiner Bundeswehr und was noch alles schieflaufen wird, wenn der Afghanistan-Einsatz erst begonnen hat.

"Völlig überlastet" sei die Bundeswehr angesichts ihrer neuen weltweiten Herausforderungen, analysiert Gertz und macht Vorschläge. Die deutsche Truppe in Bosnien müsse drastisch reduziert werden, von bislang 1800 auf knapp 500 Mann. In der Tat leisten deutsche Soldaten in Bosnien in erster Linie Hilfe beim Aufbau der Infrastruktur, sind etwa am Wiederaufbau von Brücken beteiligt. Dies sei sicher verdienstvoll, findet Gertz, aber nicht unbedingt eine Aufgabe für Soldaten. Ein gewisses Kaderpersonal reiche. Man könne dann etwa eine Beschäftigungsgesellschaft gründen, in der man Bosnier beschäftige. Es sei nicht vertretbar, dass deutsche Pioniere, die man nun benötige, um in Kabul Feldlager herzurichten, in Bosnien Häuser reparierten. Über solche Pläne habe er mit hohen Militärs geredet, die der gleichen Ansicht seien, berichtet Gertz. Komisch nur, dass man in Scharpings Ministerium angeblich noch nichts von solchen Plänen weiß.

Der SPD-Verteidigungsexperte Peter Zumkley verweist darauf, dass ständig überprüft werde, wo wie viele Soldaten tatsächlich benötigt würden. Eine Reduzierung der Truppenzahl in Bosnien sei derzeit nicht realistisch, im Verlauf des nächsten Jahres aber nicht auszuschließen. Es sei jedoch "Unsinn", die Bosnien-Frage mit dem Afghanistan-Einsatz zu verknüpfen. Im Ministerium hält man den neuen Vorstoß von Gertz gar für "nicht kommentierungswürdig" und verweist auf die Einschätzung des Ministers, wonach der Afghanistan-Einsatz "keine unlösbaren Probleme mit sich bringt".

Gertz hat Zweifel. Die Achillesferse sei die Streitkräftebasis und der Sanitätsdienst: Der Bundeswehr fehle es etwa an Heeresfliegern, an Pionieren und an Feldjägern. Auch die Sanitäter seien extrem belastet. Bundeswehrkrankenhäuser müssten "stark ausgedünnt" arbeiten. Überall stoße die Truppe an ihre Grenzen. Für Kabul seien nicht genügend Zelte, Wolldecken oder Splitterschutzwesten vorhanden. Die müsse man sich nun bei den Kollegen auf dem Balkan borgen. Gertz kurz: "Bei demnächst fünf Einsätzen sind wir mit unseren Kräften am Ende."

Jetzt will er das Schlimmste verhindern. Während hohe Militärs in Großbritannien gerade auf einer Konferenz über die Größe der Kontingente einzelner Länder für die internationale Schutztruppe diskutieren, fordert Gertz, Deutschland solle sein Afghanistan-Kontingent kleiner halten als die theoretisch möglichen 1200 Soldaten. Zumal sich der Einsatz nicht auf die angepeilten sechs Monate beschränken werde. "Kabul wird für uns eine Daueraufgabe", prophezeit Gertz. Es sei verfrüht, jetzt schon über den Zeitraum von sechs Monaten hinauszudenken, wiegelt das Ministerium ab. Gertz hält dagegen: Mindestens zwei Jahre würden deutsche Soldaten in Afghanistan bleiben.

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