Cameron Todd Willingham : Hinrichtung in Texas: Tödlicher Irrtum?

Vor fünf Jahren starb Cameron Todd Willingham im Todestrakt von Huntsville, Texas, auf einer Liege festgezurrt, wegen Brandstiftung und dreifachen Kindsmordes. Nun verdichten sich die Hinweise, dass er unschuldig war.

Rita Neubauer[Miami]

Cameron Todd Willingham starb am 17. Februar 2004 im Todestrakt von Huntsville, Texas, auf einer Liege festgezurrt, wegen Brandstiftung und dreifachen Kindsmordes. Seine letzten Worte, bevor die Todesspritze ihre Wirkung zeigte: „Ich bin ein unschuldiger Mann. Verurteilt vor zwölf Jahren für etwas, das ich nicht getan habe.“

Nun fünf Jahre danach verdichten sich die Hinweise, dass der bei seiner Verurteilung 24-Jährige die Wahrheit gesagt hat. Das Feuer, das am Tag vor Heiligabend 1991 in dem einfachen Wohnhaus in Corsicana im Bundesstaat Texas ausbrach und seine zwei Jahre alte Tochter Amber und die ein Jahre alten Zwillinge Karmon und Kameron tötete, war keine Brandstiftung. Es war ein Unfall, ausgelöst durch einen elektrischen Heizofen oder eine fehlerhafte Stromleitung, glaubt Craig Beyler, ein erfahrener Brandexperte.

Die Kriminaltechnische Kommission in Texas hatte den Fall erneut aufgerollt und Beyler mit der Untersuchung betraut. Sein Urteil: die von den damaligen Brandermittlern geäußerten Erkenntnisse seien „nichts weiter als eine Sammlung persönlicher Ansichten“ gewesen, die „nichts mit einer wissenschaftlich basierten Untersuchung zu tun“ hätten. Den Ermittlern habe jedes Verständnis für Feuer und die durch Feuer verursachten Verletzungen gefehlt. Esoterik sei betrieben worden, aber keine solide Wissenschaft.

Diese Erkenntnis kommt nicht nur zu spät für Willingham. Tragischerweise gab es kurz vor der Vollstreckung des Todesurteils bereits erste Zweifel. Gerald Hurst, ein angesehener Pyrowissenschaftler aus Austin, der früher für das Verteidigungsministerium arbeitete, hatte Unterlagen und Fotos studiert. Auch er konnte die Schlussfolgerung der Ermittler nicht nachvollziehen. Doch obwohl der texanische Gouverneur Rick Perry und der Begnadigungsausschuss Hursts Stellungnahme kannten, wurde die Petition, die Hinrichtung aufzuschieben, abgelehnt. Was den Anwalt und Vize-Direktor des Innocence Project Barry Scheck nun urteilen lässt, dass „die einzige vernünftige Folgerung die ist, dass Gouverneur und Ausschuss wissenschaftliche Erkenntnisse ignorierten“.

Das Innocence Project ist eine New Yorker Gruppe, die Justizirrtümern nachgeht. Und die scheint es zuhauf zu geben. Die Gruppe listet 241 Fälle auf, bei denen mittels eines DNA-Tests die Unschuld Inhaftierter bewiesen wurde, 17 davon entgingen so der Hinrichtung. Doch selten waren die Konsequenzen erneuter Nachforschungen so dramatisch wie im Fall Willingham. Zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung wurde er als Monster bezeichnet, der seine Kinder dem schrecklichen Tod durch Verbrennen weihte.

Eine jüngst aufwendig recherchierte Reportage im Wochenmagazin „New Yorker“ beschreibt, wie der trauernde Vater in nur wenigen Wochen selbst zum Verdächtigen wird. Die Geschworenen nehmen ihm nicht ab, dass er versuchte, seine Kinder zu retten. Sie glauben dem Staatsanwalt John Jackson, dass der arbeitslose und vorbestrafte Automechaniker zum Mörder wurde, da ihn die Kinder beim Biertrinken und Dart-Werfen gestört hätten, nachdem seine Frau die Wohnung für Einkäufe verlassen hatte. Jackson argumentiert gar, dass es der dritte Versuch gewesen sei, die Kinder zu töten. Habe doch Willingham seine Frau wiederholt während der Schwangerschaft geschlagen.

Die Geschworenen lassen sich auch von einem Gerichtspsychologen überzeugen, der Willingham kein einziges Mal traf. Dieser hatte geargwöhnt, dass Poster von Heavy-Metal-Bands in Willinghams Wohnung, die einen gefallenen Engel und einen Schädel zeigten, Menschen zu satanischen Aktivitäten anregen könnten. Auch der Feuerwehrchef des 24 000- Seelen-Ortes ist überzeugt, dass das Feuer „absichtlich von menschlicher Hand“ gelegt wurde. Da er das Angebot des Staatsanwalts ablehnt, seine Schuld einzugestehen, was ihm lebenslang eingebracht hätte, wird Willingham schließlich zum Tode verurteilt.

Nun könnte er in die Annalen der amerikanischen Justizgeschichte eingehen. Als erster Hingerichteter, der seit der Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 offiziell für unschuldig erklärt wird. Willinghams Fall könnte zum Paradebeispiel werden für die Gegner der Todesstrafe. Denn seit Jahren sind diese auf der Suche nach einem solchen Fall . Hatte doch der konservative Antonin Scalia, Mitglied des Obersten Gerichtshofs, noch 2005 diese als „frömmelnd“ und „scheinheilig“ bezeichnet und festgeklopft, „dass es keinen einzigen Fall – nicht einen einzigen – gibt, bei dem ein Mensch hingerichtet wurde, der unschuldig war“. Die Unschuld Willinghams, so nun die Logik, könnte die Verfechter der Todesstrafe in den USA zum Umdenken zwingen.

Allerdings wendete sich das Blatt diesen Sommer erneut gegen Inhaftierte, die auf ihre Unschuld bestehen. Denn im Juni beschied der Oberste Gerichtshof mit fünf zu vier Stimmen, dass Häftlinge kein von der Verfassung garantiertes Recht auf einen DNA-Test haben – selbst wenn sie diesen aus eigener Tasche zahlen. „Ein Angeklagter, der in einem fairen Verfahren für schuldig gesprochen wurde, hat nicht die gleichen Rechte wie ein freier Mann“, schrieb der Vorsitzende John Roberts. In der Tageszeitung „Corsican Daily Sun“ verteidigt Staatsanwalt Jackson, inzwischen selbst Richter, das Willingham-Urteil als korrekt und warnt davor, Willingham nun als Symbol im Kampf gegen die Todesstrafe darzustellen.

Seit dem Ende des Moratoriums sind in den USA 1160 Menschen hingerichtet worden – darunter elf Frauen. Mit 439 nimmt Texas einen Spitzenplatz ein, gefolgt von Virginia und Oklahoma. Allein in diesem Jahr wurden bereits 16 Häftlinge in Texas hingerichtet. Nur in 15 Bundesstaaten wurde die Todesstrafe seitdem wieder abgeschafft – zuletzt in diesem Jahr in New Mexico. Zustimmung findet die Todesstrafe weiterhin bei einer Mehrzahl der US-Bürger. Nach Meinungsumfragen des Gallup-Instituts lag sie im Oktober 2007 bei 69 Prozent. Wird dagegen bei der Frage explizit die Alternative der lebenslangen Freiheitsstrafe ohne Bewährungsmöglichkeit angeboten, sinkt dieser Wert auf unter 50 Prozent.

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