Politik : Castor-Transporte: Demonstranten im Zelt, Polizisten im Container

Reimer Paul

Die ersten Zelte stehen schon. Auf einer vom Regen nassen Wiese nahe der Ortschaft Göhrde haben Atomkraftgegner am Freitagmorgen mit dem Aufbau des ersten von insgesamt rund einem Dutzend Camps im Wendland begonnen, in denen sie die Ankunft des Castorkonvois erwarten wollen. Der Atommüllzug soll am Montagmorgen gegen 6 Uhr 30 von der französischen Verladestation Valognes nahe der Wiederaufbereitungsanlage La Hague starten. Dem Fahrplan zufolge soll der Zug Paris nördlich über Rouen, Amiens und Reims umfahren und gegen 23 Uhr den Grenzübergang Lauterbourg-Wörth erreichen. Über Karlsruhe, Würzburg, Fulda und Göttingen führt die geplante Route nach Lüneburg und Dannenberg. Dort werden die Castoren auf Lastwagen umgeladen und - so der Zeitplan - spätestens am Mittwoch oder Donnerstag ins Zwischenlager Gorleben gebracht.

Fünf oder sechs der Anti-Atom-Zeltlager sollten in Sichtweite der Bahnstrecke Lüneburg-Dannenberg entstehen. Auf dem 50 Kilometer langen Schienenstück gibt es zehn Bahnhöfe und fast 60 Bahnübergänge. Neuralgische Punkte, meint die Polizei, die sich für Blockaden eigneten. Die Behörden haben deshalb für mehrere Camps keine Genehmigung erteilt, zwei wurden am Freitag von der Polizei geräumt. Bestätigt hat das Verwaltungsgericht Lüneburg das Demonstrationsverbot in einer 50-Meter-Zone entlang des Castorfahrweges sowie in einem Umkreis von 500 Metern um den Verladebahnhof Dannenberg und das Zwischenlager Gorleben. Eine für Sonntag geplante "Stunkparade" der Bäuerlichen Notgemeinschaft des Wendlandes kann nur unter Auflagen stattfinden. So darf die Straße von Gorleben nach Grippel, die "Zielgerade" zum Atommüllzwischenlager, nicht befahren werden. Zu der Parade werden rund 5000 Menschen mit über 250 Traktoren erwartet. Beim letzten Castortransport nach Gorleben vor vier Jahren hatten Landwirte nach dem Ende der "Stunkparade" 50 Trecker auf einer Straßenkreuzung quergestellt und die ursprünglich geplante Route versperrt.

Die Protestaktionen der Anti-Atom-Bewegung beginnen bereits am heutigen Sonnabend mit Sternmärschen und einer Großkundgebung in Lüneburg. Von den Verboten und der angekündigten härteren Gangart der Polizei wollen sich die Demonstranten dabei nicht abschrecken lassen. Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Gerhard Vogler, hatte am Donnerstag erklärt, jedes Eindringen in die unmittelbare "Sicherheitszone" um die Transportstrecke sei rechtswidrig und werde dementsprechend behandelt.

Auf dem Gelände des Zwischenlagers und des benachbarten Endlagerbergwerks im Gorlebener Wald hat sich die Polizei derweil häuslich eingerichtet. Beamte schleppten Stühle, Tische und Liegen aus Lieferwagen in blaue Container. Jeweils vier Polizisten teilen sich die spartanischen Quartiere. Andere Einheiten werden in alten Kasernen untergebracht. Auf die Beschlagnahme von Turnhallen hat die Einsatzleitung dieses Mal verzichtet; diese Maßnahme hatte beim letzten Castortransport vor vier Jahren bei Lehrern, Schülern und Eltern Empörung hervorgerufen. 200 kurzfristig eingestellte Köche sollen die Beamten versorgen. Über die Zahl der eingesetzten Polizisten gibt es keine genauen Angaben. 1997 waren bundesweit rund 30 000 Beamte im Castor-Einsatz.

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