Politik : CDU Sachsen: Gemütlich pastoral oder schneidend brillant

Ralf Hübner

Der entscheidende Satz auf der CDU-Regionalkonferenz in Zwickau kam zu später Stunde. Ja, wenn die Partei es wolle, stehe er auch für das Amt des Ministerpräsidenten zur Verfügung, sagt Sachsens Ex-Finanzminister Georg Milbradt. Und das heißt: Im September geht es auf dem Landesparteitag nicht nur um die Wahl eines neuen Landesvorsitzenden, es geht um die Nachfolge von Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Der Kampf um die Spitze in Sachsens CDU ist in seine heiße Phase getreten.

Drei Regionalkonferenzen veranstaltet die CDU, am Donnerstag in Zwickau, am Freitag in Bautzen, nächste Woche in Leipzig - die beiden Kontrahenten im Kampf um die Parteispitze, Umweltminister Steffen Flath und Georg Milbradt, sollen sich dem Parteivolk präsentieren.

Milbradt brilliert wie gewohnt mit Fachwissen, seinen mit vielen Zahlen untermauerten Vortrag trägt er mit schneidend scharfer Stimme vor. Für den 56-Jährigen geht es um alles. Zehn Jahre hat er sich als Finanzminister, als zweiter Mann hinter Biedenkopf, Hoffnungen gemacht, ganz nach oben zu kommen. Seine Entlassung durch den Ministerpräsidenten zu Jahresanfang nennt er einen schlimmen Vorgang. Dennoch, er habe kein böses Wort über die Sache verloren. Im Gegenteil. Er wolle auch weiterhin für die Politik des Ministerpräsidenten kämpfen, müht sich Milbradt, Loyalität zu demonstrieren. Er weiß, ein Kratzen am Denkmal Biedenkopf würde die Partei nicht verzeihen, und doch ist Bitterkeit geblieben. Das ist nicht zu überhören.

Jene Bitterkeit haben vor Milbradt schon andere gezeigt, die ehemaligen Minister Arnold Vaatz, Heinz Eggert, Steffen Heitmann, Friederike de Haas. Die Reihe derer, die unter Biedenkopf ihre Ämter verloren, ist lang. Hinzu kommen Mitglieder der Landtagsfraktion, die wohl vergeblich gehofft hatten, der wohlwollende Blick des Ministerpräsidenten könnte eines Tages sie treffen. Doch der hat die Fraktion nie sonderlich gut behandelt. Da hat sich in über zehn Regierungsjahren viel Frust angesammelt. Nun ist er, Milbradt, einer, der endlich in der Lage sein könnte, dem Alten Paroli zu bieten. Es ist eine Koalition der Unzufriedenen.

Für den wenig geschmeidigen Milbradt ist Politik vor allem Kampf und Auseinandersetzung, und so verheißt er der Parteimitgliedschaft Kampf. Die Partei müsse arbeiten, so einfach wie in der Vergangenheit, unter dem populären Biedenkopf, werde es für Sachsens CDU künftig nicht mehr sein. In fast aggressivem Ton versucht er aufzurütteln und mitzureißen. Die Parteimitglieder in Zwickau, eher eine Region, die Flath zuneigt, nehmen es freundlich, aber nicht begeistert zur Kenntnis.

Steffen Flath verfolgt den Vortrag Milbradts Kaffee schlürfend, beinahe unbekümmert. Er hat nichts zu verlieren, er kann nur gewinnen. Milbradt hat schon versprochen, ihn im Falle seines Sieges zum Stellvertreter zu machen. Flath weiß nicht nur den Ministerpräsidenten hinter sich, auch die meisten Kabinettsmitglieder stehen zu ihm, auch die Riege jüngerer Minister, die wie Flath unter Biedenkopf Karriere machten. Sie könnten bei einem Wechsel zu Milbradt verlieren, weil Milbradt Leute aus seiner Truppe befördern könnte.

Flath meidet die direkte Auseinandersetzung mit Milbradt, der während der Rede seines Kontrahenten einen merkwürdig steinern-verklärt wirkenden Blick aufsetzt. Flath ist kein Zahlenmensch, kein Kampfpolitiker. Er rüttelt nicht auf, er appelliert an das Gemüt der Partei und setzt auf Bodenständigkeit. Früher habe er versucht, seinen sächsischen Dialekt zu verbergen. Heute sei er stolz, wenn er wegen seiner Aussprache als Sachse und Erzgebirgler erkannt werde. Jenes Selbstbewusstsein habe Biedenkopf den Sachsen zurückgegeben, da dürfe der Schüler schon an Dankbarkeit denken. So wie an Dankbarkeit gegenüber Gott, fügt er in pastoralem Ton hinzu. Als Katholik gehe er jeden Sonntag in die Messe.

So etwas kommt gut an. Eine "Zukunftswerkstatt" soll der Partei neuen Schwung geben. "Vertrauen" heißt Flaths Botschaft. Nur wenn die Parteimitglieder einander vertrauen, würden Wahlen gewonnen. Für etwas sprechen, aber nicht gegen eine Person, so einfach sei das, sagt Flath, der findet, dass die Partei auch geselliger werden müsse. Vielleicht bei gemeinsamen Wanderungen mit der Parteiführung.

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