• Chaos Computer Club und BKA über das Darknet: Hort für Verbrechen oder Schutzbereich für Oppositionelle
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Chaos Computer Club und BKA über das Darknet : Hort für Verbrechen oder Schutzbereich für Oppositionelle

Der Münchner Täter soll seine Waffe über das "Darknet" gekauft haben. Das Bedrohungsszenario, das Politiker nun zeichnen, sei wenig realistisch

Besucher des Kongresses des Chaos Computer Clubs spielen mit ihrem digitalem Spiegelbild, welches die von einer Kamera aufgenommenen Umrisse der Spieler in Steuerbefehlen für Computer darstellt.
Besucher des Kongresses des Chaos Computer Clubs spielen mit ihrem digitalem Spiegelbild, welches die von einer Kamera...Foto: dpa/Axel Heimken

Nach dem Amoklauf in München streiten Experten über anonyme Marktplätze im Internet - das sogenannte Darknet als Art Geheimnetz. Hintergrund ist, dass der Amokläufer von München nach bisherigen Erkenntnissen seine Waffe im „Darknet“ gekauft hatte

Nach Angaben des Bundeskriminalamts spielt es als Plattform für Verbrecher eine immer größere Rolle, um sich etwa Falschgeld, Drogen oder Waffen zu besorgen. Daher zog das BKA fünf Marktplätze aus dem Verkehr, wie Behördenchef Holger Münch am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. Das Darknet sei ein Schwerpunkt für seine Behörde im Kampf gegen Cyber-Crime. Auf diesem schwer zugänglichen Gebiet des Internets haben übliche Suchmaschinen und Browser keinen Zugriff. Kriminelle nutzen es als Handelsplattform etwa für Drogen, Waffen, Falschgeld und Kinderpornografie oder gehackte Daten.

Die durch Cyber-Kriminalität hervorgerufenen Schäden für die Gesellschaft nehmen nach Angaben des BKA immer weiter zu. Insgesamt sei die Gesamtsumme der polizeilich erfassten Schäden im vergangenen Jahr um 2,8 Prozent auf 40,5 Millionen Euro gestiegen, teilte das BKA in seinem Bundeslagebericht Cybercrime mit. Davon entfalle der Großteil mit 35,9 Millionen Euro auf Computerbetrug. Diese Delikte hätten um 5,6 Prozent zugenommen. Mehr als 45.000 Cyber-Kriminalitätsfälle seien im vergangenen Jahr insgesamt erfasst worden. "Wenn wir nach vorne schauen, sehen wir keine Entspannung", sagte Münch. Der BKA-Chef wies darauf hin, dass es in dem Bereich der Kriminalität eine hohe Dunkelziffer gebe. Die gesamte Dimension lasse sich nur schwer statistisch erfassen.

Viele Straftaten enden im Versuchsstadium

"Cyber-Crime ist nach wie vor ein wachsendes Phänomen - man könnte auch sagen, fast ein wachsendes Gewerbe, hier und da sogar eine wachsende Industrie", warnte Münch. Die Aufklärungsquote liege zwar bei 32,8 Prozent und sei damit im vergangenen Jahr um 3,4 Prozentpunkte gestiegen. Münch wies allerdings darauf hin, dass viele Straftaten bereits im Versuchsstadium enden würden. Manche Delikte würden zudem gar nicht bemerkt, oder gar nicht zur Anzeige gebracht.

Der Chaos Computer Club (CCC) warnte, die anonymen Bereiche des Internets zu verteufeln. „Das Bedrohungsszenario, das von deutschen Behörden gezeichnet wird, ist nicht sehr realistisch“, sagte Linus Neumann vom CCC der Deutschen Presse-Agentur

Tatsächlich habe der Amokläufer für den Kauf der Waffe über das „Darknet“ laut Medienberichten Monate gebraucht, sagte Neumann. In der realen Welt wäre dies wahrscheinlich sehr viel schneller gegangen. Der Umfang des Drogen- und Waffenhandels im „Darknet“ sei weitaus geringer als derjenige außerhalb des Internets.

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Verbot von Waffenkäufen im Darknet prüfen

Der rheinland-pfälzische Justizminister Herbert Mertin (FDP) dringt darauf, ein Verbot von Waffenkäufen im „Darknet“ zu prüfen. Das Waffenrecht müsse dagegen nach seiner Ansicht nicht verschärft werden. „Schon das geltende Waffenrecht sah vor, dass der Amokläufer die Waffe nicht haben durfte“, sagte Mertin der Deutschen Presse-Agentur in Mainz. „Man muss aber schauen, ob man nicht etwas Licht in dieses dunkle Netz bringen kann und solche Käufe verhindern kann.“ Er betonte jedoch: „Ich bin dafür, dass man sich in Ruhe die Ergebnisse der Ermittlungen zur Hand nimmt und nicht auf stereotype Forderungen zurückgreift.“

Das „Darknet“ ist ein verborgener Teil im auf offenen Austausch angelegten World Wide Web und nach Einschätzung von Fachleuten stark gewachsen. Es ist eine Art virtueller Hinterraum für Eingeweihte, der anders gebaut ist als das offene Internet und nicht über herkömmliche Suchmaschinen zugänglich ist. Durch Weiterleitung über mehrere Knoten im Netz ist der Ursprung von Daten nicht mehr nachzuvollziehen.

Ursprünglich wurde es zum Schutz von Dissidenten entwickelt, die darauf angewiesen sind, anonym zu veröffentlichen und sich informieren zu können. Das gelte heute insbesondere für Menschen in der Türkei, Iran oder Syrien, sagte Neumann: „Hier ist eine Abwägung von Schaden und Nutzen wichtig.“

Anonymität gibt Sicherheit

Nach Darstellung des Sprechers der für Internetkriminalität zuständigen Generalstaatsanwaltschaft Bamberg, Matthias Huber, erfordert der Kauf einer Waffe im „Darknet“ keine besonderen technischen Voraussetzungen. Nötig sei nur ein sogenannter Tor-Browser. Die Teilnahme am „Darknet“ sei nicht übermäßig schwierig. Auf speziellen „Marktplätzen“, wo sich jeder anmelden könne, würden häufig anonym Drogen oder Waffen gehandelt.

Durch die Anonymität gebe es keine Sicherheit, dass die Ware auch ankomme. „Diese Unsicherheit nimmt natürlich niemand in Kauf, der eine Ware auch legal erwerben könnte“, sagte Huber. „Deshalb sind nahezu 100 Prozent aller Angebote im „Darknet“ illegal.“ Ansatzpunkt für Fahnder sei unter anderem die reale Zustellung der Waren. (dpa/reuters/TSP)

Ausführlichere Artikel zum "Darknet" finden Sie hier und hier.

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