Politik : Chaos nach Truppenabzug - SLA-Miliz vor Auflösung

Der unerwartet rasche israelische Truppenrückzug aus Südlibanon droht das israelisch-libanesische Grenzgebiet in ein Chaos zu stürzen. Nach dem Zusammenbruch der Ordnung in der so genannten Sicherheitszone entschloss sich die israelische Regierung am Montagabend zu einem beschleunigten Abzug. Die israelische Armee wird nach den Worten von Ministerpräsident Ehud Barak "in einigen Tagen" ihre Stellungen in Südlibanon vollständig räumen. Anschließend werde sie entlang der internationalen Grenze zu Libanon postiert, sagte Barak am Dienstag im israelischen Armeehörfunk.

In die frei gewordenen Ortschaften zogen immer mehr Anhänger und Kämpfer der radikalislamischen Hisbollah-Miliz ein. Aus Furcht vor Raketenangriffen der Hisbollah verbrachten Zehntausende Israelis im Norden des Landes die Nacht in Bunkern.

Ursprünglich sollte der Truppenabzug bis zum 7. Juli abgeschlossen werden. In der Nacht zum Dienstag räumte die israelische Armee ihren zweitgrößten Stützpunkt in Südlibanon in der Stadt Bint Dschbeil. Lastwagenkonvois brachten Waffen, Ausrüstung und Mannschaften über die Grenze. Die Soldaten jubelten beim Überschreiten der Grenze; einige küssten den Boden. Am Morgen zogen zogen jubelnde Hisbollah-Kämpfer und deren Anhänger in die Stadt im westlichen Teil der Sicherheitszone. Die Übernahme von Bint Dschbeil und Dutzender anderer Ortschaften verlief friedlich.

Am Montag wurden bei ähnlichen Aktionen sechs Libanesen getötet und 19 verletzt, als die israelischen Streitkräfte und die mit ihr verbündete Miliz Südlibanesische Armee (SLA) Hunderte Zivilisten an der Rückkehr in ihre früheren Dörfer hindern wollten. Der Tod der sechs Menschen geht nach israelischen Angaben auf das Konto der SLA.

Die Hisbollah erklärte inzwischen ihren Sieg über Israel und kündigte die Fortsetzung ihres Kampfes an, solange die SLA noch aktiv sei. Die SLA scheint jedoch vor dem Zusammenbruch zu stehen, was offenbar mit ein Grund für den beschleunigten israelischen Rückzug ist. Am Dienstag ergaben sich nach Angaben aus libanesischen Sicherheitskreisen über 175 SLA-Milizionäre. Damit befinden sich seit Sonntag schon über 300 Kämpfer der SLA in Gefangenschaft. Andere, darunter mehrere ranghohe Offiziere, flüchteten zusammen mit ihren Familien nach Israel. Das israelische Militär errichtete für sie ein Auffanglager am See Genezareth.

Die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright erörterte die Krise in Telefongesprächen mit den Staats- und Regierungschefs von Israel, Syrien, Libanon, Ägypten und Saudi-Arabien. Sie rief alle Parteien zu "maximaler Zurückhaltung" auf. UN-Generalsekretär Kofi Annan warnte, das Chaos in Südlibanon gefährde seinen Plan, die dortige Blauhelmtruppe von 4500 auf 7900 Soldaten aufzustocken. Der Weltsicherheitsrat kam wegen der Krise zu einer außerplanmäßigen Sitzung zusammen. Die Mitglieder des Sicherheitsrates einigten sich im Grundsatz auf die Unterstützung der Pläne Annans.

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