Politik : Chemiker, Literat oder Biologe? Im Kosovo ist offen, wer Rugova nachfolgt

Enver Robelli[Zürich]

Fünf Tage wird der Kosovo trauern. Am Donnerstag soll Ibrahim Rugova zu Grabe getragen werden. Der Präsident der Kosovo-Albaner war am Samstag einem Lungenkrebsleiden erlegen. In den ersten Reaktionen in der Hauptstadt Pristina wurde Rugova als historische Persönlichkeit gepriesen und mit dem mittelalterlichen albanischen Fürsten Skanderbeg, der gegen die Türken kämpfte, verglichen. Tausende Kosovo-Albaner zündeten Kerzen vor dem Nationaltheater in Pristina an.

Rugova hinterlässt eine große Lücke in der kosovarischen Politik. Die Nachfolge hat er nicht geregelt, seine Partei – die Demokratische Liga von Kosovo (LDK) – führte er jahrelang mit autoritärer Hand. Parteikongresse fanden nur selten statt, Beschlüsse wurden im Verborgenen gefasst und Kritiker mussten oft gehen. Laut der provisorischen Verfassung des Kosovos übernimmt Parlamentspräsident Nexhat Daci die Amtsgeschäfte. Ein Nachfolger Rugovas muss innerhalb von drei Monaten gefunden werden.

Beobachter in Pristina spekulieren, Daci könnte versuchen, den Posten des Präsidenten dauerhaft zu übernehmen. Ob der Chemieprofessor mit Hang zum Populismus sich durchsetzen kann, ist aber offen. In der LDK kämpfen verschiedene Fraktionen um Rugovas Erbe. Wichtigster Gegenspieler von Daci ist der Literaturprofessor Sabri Hamiti. Beide agierten bisher aus dem Hintergrund, als Entscheidungsträger im politischen Geschäft haben sie keine Erfahrung. Auch Lutfi Haziri käme als Nachfolger in Frage. Der in Zürich aufgewachsene Biologe ist Minister für Lokalverwaltung und betreut die heikle Aufgabe der Dezentralisierung der kommunalen Verwaltung. Nach dem Plan soll die serbische Minderheit mehr Rechte in einem unabhängigen Kosovo bekommen. Doch Serbien lehnt die Loslösung des Kosovos ab. Die Regierung in Belgrad versucht, die faktische Teilung der Provinz zu erreichen.

Haziri war im Gespräch als Leiter der kosovo-albanischen Delegation bei den ersten direkten Verhandlungen mit der serbischen Seite, die für diesen Mittwoch in Wien geplant waren. Der UN-Sonderbeauftragte für den Kosovo, Martii Ahtisaari, vertagte die Gespräche auf Anfang Februar. Die meisten Balkankenner gehen davon aus, dass Rugovas Tod die Verhandlungen nur kurz verzögern wird.

Unruhen seien nicht zu erwarten, meint der Politologe Enver Hoxhaj. „Wir haben ein klares Versprechen von der internationalen Gemeinschaft, dass die Zukunft Kosovos noch in diesem Jahr geklärt wird, deshalb haben alle Gruppierungen ein Interesse am Friedensprozess“, sagte der Parlamentarier der Demokratischen Partei Kosovos (PDK), der größten Oppositionskraft im Parlament. Falls die LDK in Fraktionen zerfällt, könnte die Stunde der PDK und ihres Führers Hashim Thacis schlagen. Für die Nachfolge Rugovas wurde auch Behgjet Pacolli ins Spiel gebracht. Der schwerreiche Bauunternehmer lebt in Lugano. Seine Firma Mabetex renovierte den Kreml und baute Regierungspaläste in kaukasischen Staaten.

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