Chiles Präsident Pinera : Das vergessene Schicksal der Mapuche

Chiles Präsident lässt sich in Europa für die Rettung der 33 Bergleute feiern – Proteste machen auf die indigene Minderheit aufmerksam.

Sophie Crocoll
Foto: dapd Foto: dapd
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Berlin - „200 Jahre Chile? Wir haben nichts zu feiern“, sagt Llanquiray Painemal. Um den Kopf trägt die 42-Jährige ein buntes Tuch und ein silbernes Band mit münzgroßen Plättchen – es ist der traditionelle Schmuck ihrer indigenen Gruppe der Mapuche. Painemal lebt seit 1997 in Berlin, hat an der Humboldt-Universität Sozialwissenschaften studiert. Am Donnerstagabend steht sie vor dem größten Hörsaal, um mit rund 50 anderen Chilenen und Deutschen, Studenten, Berufstätigen und Rentnern gegen den Besuch des chilenischen Präsidenten Sebastian Pinera zu demonstrieren. „Der Präsident ist zu den 33 Minenarbeitern geeilt, aber die 34 Mapuche im Hungerstreik hat er nicht besucht“, sagt sie.

Kurz nach der Rettung der Bergleute ist Pinera auf Europareise, die Bergung „der 33“ bleibt ein zentrales Thema: „Das Erlebte hat den Zusammenhalt der chilenischen Bevölkerung gestärkt“, beginnt Pinera seine Rede mit dem Titel „Chiles Zweihundertjahrfeier. Herausforderungen, Innovation und Zukunft“ im Audimax auf Deutsch. Von draußen sind leise die Trillerpfeifen und Sprechchöre der Demonstranten zu hören, „Nein zum Anti-Terrorismus-Gesetz“, rufen sie. Eine Mitarbeiterin der chilenischen Delegation schließt schnell ein Fenster.

Die 34 Mapuche, für die die Aktivisten demonstrieren, sitzen im Süden Chiles im Gefängnis, weil sie Grundstücke und Landmaschinen angezündet haben sollen. Seit Jahren gibt es Konflikte um Land, das die Mapuche als das Land ihrer Vorfahren vom Staat zurückfordern und das meist privaten Unternehmen gehört. Der letzte Zensus zählte 2002 rund 600 000 Mapuche, 4,6 Prozent der Bevölkerung. Die Armut unter der größten indigenen Gruppe ist doppelt so groß wie unter den übrigen Chilenen.

Am 12. Juli traten die Gefangenen in Hungerstreik, da die Gerichte sie nach dem Anti-Terrorismus-Gesetz bestrafen wollten, es stammt noch aus der Diktatur Pinochets (1973–1990) und sieht vor, Angeklagte vor Militärgerichten mit höheren Strafen zu belegen. Außerdem gibt es sogenannte Zeugen ohne Gesicht, das heißt, der Angeklagte weiß nicht, wer gegen ihn aussagt. Erst Ende September lenkte die Regierung ein, der chilenische Kongress beschloss, das Gesetz zu verändern, und die Gefangenen beendeten vorerst ihren von der Weltpresse weitgehend unbeachteten Protest.

„Es ist ja nicht nur die Situation der Mapuche“, sagt die pensionierte Afrikanistin Lydia Eichler. Sie steht neben einem Plakat, das „Freiheit den politischen Gefangenen“ fordert. „Es ist großartig, dass die Bergleute gerettet sind. Aber nicht, dass die Rettung Pinera zugerechnet wird, der sich für die Liberalisierung der Minen eingesetzt hat“, sagt sie.

Im Audimax spricht Pinera nicht darüber, wie ein solches Unglück in Zukunft verhindert werden kann. In einem Interview mit der britischen BBC hatte er vor wenigen Tagen angekündigt, das Budget für Sicherheitsmaßnahmen zu verdreifachen. Chile werde einem internationalen Abkommen beitreten, das es Bergleuten ermöglicht, Missstände anzuzeigen. Jetzt sagt er: „In der ersten Nacht haben wir entschieden, die Verschütteten zu suchen, als wären sie unsere Söhne.“ Ein anrührendes Video zeigt, wie er jeden einzelnen der Geretteten umarmt.

„Werden Sie das Anti-Terrorismus-Gesetz abschaffen?“, fragt Painemal später den Präsidenten. „Jedes Land braucht ein Anti-Terrorismus-Gesetz“, antwortet Pinera. Die Regierung habe nun den neuen Entwurf verabschiedet. „Über Angeklagte wird vor einem zivilen Gericht mit fairen Gesetzen geurteilt“, sagt er. Llanquiray Painemal hält dies für leere Versprechungen. Sie will so lange demonstrieren, bis ihre Landsleute freikommen.

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