China : Wenn Obst unbezahlbar wird

Die Preise in China steigen rasant. Die Regierung in Peking will das Wachstum der Volksrepublik nicht gefährden.

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Verzweifelt. Auf einem Markt in Jiaxing wartet ein Händler auf Käufer.
Verzweifelt. Auf einem Markt in Jiaxing wartet ein Händler auf Käufer.Foto: REUTERS

Normalerweise reagieren Chinesen eher vorsichtig, wenn sie von ausländischen Journalisten befragt werden. Doch wenn es um die steigenden Lebensmittelpreise geht, ist es um jede Zurückhaltung geschehen. „Es ist sehr, sehr teuer geworden, einzukaufen“, beschwert sich die 56-jährige Hausfrau Yang Yufen aus Peking lautstark. „Der Preis für Kohl hat sich seit Herbstbeginn fast vervierfacht“, so Yang weiter. Mittlerweile ernährt sich die Hausfrau beinahe ausschließlich von einem Vorrat an Kartoffeln, den sie sich schon vor einiger Zeit angelegt hatte. Nur selten geht Yang noch in den Supermarkt. Auch die 62-jährige Lu Yutong muss sich einschränken. Obst kann sich die Reinigungskraft kaum noch leisten. „Die hohen Preise werden langsam zum Problem. Aber wir müssen ja essen“, sagt Lu.

Im Schnitt sind die Nahrungsmittelpreise im November um 11,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, Obst allein gar um 28 Prozent. Die steigenden Kosten treffen die große Mehrheit der chinesischen Geringverdiener. Nicht nur auf der Straße, sondern auch im Internet wird über die rasant steigenden Lebensmittelpreise diskutiert. Gerade erst wählten chinesische Internetnutzer das Schriftzeichen, das den rapiden Preisanstieg beschreibt, zum Schriftzeichen des Jahres. In den Städten hat sich aufgrund der steigenden Preise sogar ein neuer Einkaufstrend entwickelt. Immer mehr Menschen schließen sich im Internet zu Gruppen zusammen, die durch größere Abnahmemengen bei Lebensmitteln Preisnachlässe erzielen.

Die Inflation in der Volksrepublik ist auf den höchsten Stand seit 28 Monaten geklettert. Im November stiegen die Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat um 5,1 Prozent. „Der Preisanstieg übertrifft unsere Erwartungen“, sagte Sheng Laiyun, Sprecher des Nationalen Statistikamtes in Peking Mitte Dezember. Während die anziehenden Lebensmittelkosten in Millionenmetropolen wie Peking deutlich zu spüren sind, könnte die Situation auf dem Land regelrecht dramatisch werden. Nach offiziellen Angaben beträgt das jährlich verfügbare Pro-Kopf-Einkommen auf dem Land gerade einmal durchschnittlich 5153 Yuan (etwa 587 Euro) – über ein Drittel weniger als in der Stadt. Bis zur Hälfte ihres Einkommens müssen arme Familien in der Regel für Essen ausgeben.

Chinas Regierung ist sich der schwierigen Lage durchaus bewusst, gelten die steigenden Preise doch als Gefährdung für den sozialen Frieden. Schon seit geraumer Zeit bläst die Führung in den staatlichen Medien zum Kampf gegen die Inflation, um die Bevölkerung zu beruhigen. Auch auf der jährlichen Wirtschaftskonferenz, die den Kurs für das neue Jahr festlegte, warnten Chinas Führer gerade erst, nicht blindlings hohes Wachstum zu verfolgen. Sowohl die Beschäftigung als auch der Lebensstandard der Menschen solle gesteigert werden. Doch ganz so energisch, wie es die Regierung darstellt, will man den Kampf gegen die Inflation offenbar nicht aufnehmen. Denn dem soll das zügige Wachstum nicht zum Opfer fallen. Vielmehr scheint Peking ein Gleichgewicht zwischen dem Bestreben nach Preisstabilität und einem starkem Wachstum anzupeilen. Nach offiziellen Angaben will die Regierung im kommenden Jahr nun eine Inflationsrate von vier Prozent zulassen. Um soziale Unruhen zu vermeiden, hatte die chinesische Regierung für 2010 noch eine Inflationsrate von drei Prozent als Grenzwert ausgegeben. Auch die Kreditvergabe wollen die Behörden offenbar nicht so stark drosseln, wie es viele Experten erwartet hatten. Das Kreditvolumen soll 2011 lediglich auf dem Niveau von 2010 gehalten werden.

An den internationalen Finanzmärkten dürften die chinesischen Vorgaben für etwas Beruhigung sorgen. Hier hatte man befürchtet, dass die Regierung mit allen Mitteln gegen den Preisanstieg vorgehen und so das Wirtschaftswachstum abwürgen könnte – mit negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Den einfachen Chinesen dürfte die Stimmung an den Finanzmärkten egal sein. Sie müssen sich auch 2011 mit steigenden Preisen auseinandersetzen. Der rasante Preisanstieg, den viele Chinesen schon jetzt kaum noch abfedern können, gilt als größte Sorge der Bevölkerung. Deren Unmut bekommen bisher vor allem die Besitzer der kleinen Lebensmittelgeschäfte zu spüren. „Meine Kunden beschweren sich viel über die hohen Preise, kaufen weniger Obst und Fleisch“, sagt der Pekinger Ladenbesitzer Jin Shuxian.

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