Christentum in Deutschland : Die AfD und der Kulturkampf in den Kirchen

Das Christentum verpflichte dazu, Flüchtlinge aufzunehmen, sagen die Bischöfe. Doch nicht alle Christen denken so. Der Kampf um Identität und Sicherheit hat auch die Kirchen erreicht.

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Klare Kante gegen rechts: Kardinal Woelki nutzte 2016 bei der Fronleichnamsmesse ein Boot als Altar.
Klare Kante gegen rechts: Kardinal Woelki nutzte 2016 bei der Fronleichnamsmesse ein Boot als Altar.Foto: picture alliance / dpa

Wenn es um die Flüchtlinge geht, stehen die beiden großen Kirchen fest hinter Angela Merkels Willkommenskurs von 2015. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Kardinal Reinhard Marx und Bischof Heinrich Bedford-Strohm, begrüßten die Flüchtlinge persönlich am Münchner Hauptbahnhof. Sie predigen entschieden über christliche Nächsten- und Fernstenliebe und zeigen „klare Kante“ (Bedford-Strohm) gegen die AfD, gegen „völkisches Gedankengut“ und „rechtsextremistische Kampfrhetorik“ .

„Die Kirche lehnt die politische Programmatik des Rechtspopulismus ab, bestimmten rechtspopulistischen Positionen und Kampagnen widerspricht sie entschieden und ächtet sie“, schreibt der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki in dem gerade erschienenen Buch „AfD, Pegida und Co – Angriff auf die Religion?“ (Herder). Die Kirche trete ein für die ethnische, kulturelle und religiöse Vielfalt. „Denn Christen unterscheiden nicht nach Herkunft, Kultur oder Religion, sondern erkennen in jedem Menschen das Abbild Gottes.“

Auch "Bibelfreunde" sympathisieren mit AfD

Doch das sehen bei Weitem nicht alle Kirchenmitglieder so. Etliche finden es falsch, dass die Bischöfe so dezidiert auftreten und sich politisch so klar positionieren (siehe Interview). Auch fromme Christen fürchten, die Flüchtlinge könnten das Land verändern und sorgen sich um die Identität Deutschlands. Dass sich in manchen Gemeinden die Abläufe ändern, um die neu Dazugekommenen besser zu integrieren, empfinden sie nicht als Bereicherung, sondern als Zumutung.

Auch Bibelfreunde sympathisieren mit der AfD und beziehen die Nächstenliebe nur auf die Angehörigen der eigenen Familie, der eigenen Nation und der eigenen Religion. „Was mich besonders empört, ist die Äußerung von Kirchenvertretern, man wolle bei der Aufnahme von Flüchtlingen keinen Unterschied zwischen den Religionen und Konfessionen machen. Sind wir schon so weit, dass wir aus Gründen der Political Correctness die Mahnung des heiligen Apostels Paulus vergessen haben: ,Helft zuerst Euren Brüdern’?“, schreibt ein katholischer Philosophieprofessor auf der AfD-nahen, sich christlich gebenden Online-Plattform „Charismatismus.wordpress.com“. Viele Autoren auch der rechtskatholischen Plattform „kath.net“ fühlen sich, wenn es um das rückwärtsgewandte Familienbild, den Lebensschutz oder gegen den Islam geht, bei den neuen Rechten mehr zu Hause als in ihrer Kirche. Zugleich suggerieren die „Christen in der AfD“, sie seien die eigentlichen „Retter des christlichen Abendlandes“.

Klare Kante gegen links: Auch Christen fühlen sich in der AfD zu Hause.
Klare Kante gegen links: Auch Christen fühlen sich in der AfD zu Hause.Foto: picture alliance / dpa

Bischöfe beobachten mit Sorge eine wachsende Kluft zwischen Kirchenleitung und Kirchenvolk. Und so wird in Kirchenleitungssitzungen, in katholischen und evangelischen Akademien und Gemeindekirchenräten gegrübelt, wie man umgehen soll mit den Andersdenkenden in den eigenen Reihen. Soll man Brücken bauen zu den Rechtspopulisten, um verlorene Schäfchen zurückzugewinnen, oder Verbindungen kappen, um sich vor bedrohlichen Einflüssen zu schützen? Und was heißt es eigentlich, Christ zu sein? Der Kulturkampf um Identität, Sicherheit und Werte, der die politischen Wahlkämpfe dieses Jahr bestimmen wird, hat auch die Kirchen erreicht.

21,5 Prozent der Katholiken ausländerfeindlich

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2016 wählten laut Infratest/dimap 15 Prozent der Protestanten und 13 Prozent der Katholiken AfD. In Rheinland-Pfalz sah es ähnlich aus. Den Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer hat das nicht überrascht. In seiner repräsentativen Langzeituntersuchung „Deutsche Zustände“ zeichnete sich ein stabiles Muster ab: Je religiöser sich die Befragten einschätzten, umso mehr werteten sie Homosexuelle ab, äußerten sich rassistisch, antisemitisch und sexistisch. „Religiosität, die den christlichen Wertvorstellungen der Nächstenliebe, der Gleichwertigkeit von Menschen und ihrer Wertschätzung folgen sollte, schützt nicht vor Menschenfeindlichkeit“, sagt Heitmeyer. Im Gegenteil: Die Kirchen hätten da ein besonderes Problem, weil so viele ältere Menschen Mitglied sind. Mit zunehmendem Alter steige die Zustimmung zu rechten Haltungen. Problematisch sei auch die große Homogenität in Kirchengemeinden. „Es braucht heterogene Gruppen, damit sich Meinungen überkreuzen und die Menschen sich nicht gegenseitig hochschaukeln“, sagt der Soziologe.

Die Leipziger Studie über die „enthemmte Mitte“ ergab 2014, dass 21,5 Prozent der Katholiken und 17,9 Prozent der Protestanten ausländerfeindlich eingestellt sind. 15,5 Prozent der Katholiken und 12,9 Prozent der Protestanten vertraten chauvinistische Positionen, 5,7 Prozent der Katholiken und 5,4 Prozent der Protestanten äußerten sich antisemitisch. Diese Positionen sind nicht automatisch identisch mit rechtspopulistischen Einstellungsmustern, aber es gibt große Überschneidungen. Die Konfessionslosen lagen bei diesen Punkten unter den Prozentzahlen der Christen. Die These, die Kirchenleitende gerne vortragen, wonach ein fester christlicher Glaube zu mehr Offenheit gegenüber Andersgläubigen führe, ist also bestenfalls die halbe Wahrheit.

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