Politik : Clinton deutet Rückzug im Juni an

US-Medien erklären Barack Obama zum Sieger der Vorwahlen

Christoph von Marschall[Washington]

Hillary Clintons Kampagne hat erstmals öffentlich angedeutet, dass sie im Juni den Kampf um das Weiße Haus aufgeben könnte. Ihr Wahlkampfmanager Terry McAuliffe sagte dem TV-Sender NBC: „Wir werden im Juni einen Kandidaten haben.“ Nach Ende der letzten Vorwahl am 3. Juni würden sich die Superdelegierten nach und nach erklären und so den Albtraum der Demokraten, einen gespaltenen Nominierungsparteitag Ende August in Denver, vermeiden. Die US-Medien prognostizieren, dass die Superdelegierten sich mehrheitlich für Barack Obama entscheiden. Im Juni werde er die erforderliche Zahl von 2025 Delegierten überschreiten.

Allerdings sendet die Clinton-Kampagne zugleich andere Signale aus. Ihr Sprecher Howard Wolfson tritt täglich in mehreren TV-Sendern auf und bekräftigt ihren Anspruch auf Clintons Kandidatur. Nur sie könne den Republikaner John McCain in der Hauptwahl im Herbst besiegen. Mit allerlei Zahlenspielen versucht er zu belegen, dass Clinton und nicht Obama führe: Sie habe die wichtigeren Staaten gewonnen. Und sie habe größeren Rückhalt in den Wählergruppen, auf die es ankomme. Neuerdings reagieren die Moderatoren der Sendungen mit Kopfschütteln auf diese Interpretationen und halten dagegen: Obama habe 1851 Delegierte sicher, Clinton 1688. In den verbleibenden sechs Vorwahlen kann sie ihn nicht mehr einholen. Jeden Tag erklären sich neue Superdelegierte für Obama.

Hillary Clinton führt nun Wahlkampf in West Virginia, dem Schauplatz der nächsten Vorwahl am Dienstag, und sagt bei jedem Auftritt: „Ich bleibe im Rennen, bis wir einen Kandidaten (mit der nötigen Mehrheit) haben, und ich hoffe, dass ich das sein werde.“

Am Dienstag hatte Obama die Vorwahl in North Carolina mit 14 Prozentpunkten Vorsprung gewonnen. Clinton siegte knapp in Indiana. Danach erklärten zwei der bekanntesten TV-Moderatoren Obama zum Sieger. Tim Russert sagte auf MSNBC: „Wir wissen nun, wer der Kandidat der Demokraten sein wird.“ George Stephanopoulos, der früher für Bill Clinton gearbeitet hatte, urteilte auf ABC: „Das Rennen ist gelaufen.“ Das „Time“- Magazin titelte in Anspielung auf die Oscar-Verleihung: „And the winner is …“

Clinton hat wachsende Finanzprobleme. Ihre Spender entziehen ihr die Unterstützung, offenbar glauben sie nicht mehr an ihren Sieg. Den April beendete ihre Kampagne mit zehn Millionen Dollar Schulden. Zudem wurde bekannt, sie habe sich weitere sechs Millionen aus ihrem Privatvermögen geliehen; im Februar hatte sie bereits fünf Millionen von dort in ihre Wahlkampfkasse geleitet. In der Summe hat sie 21 Millionen Dollar mehr ausgegeben als eingenommen.

Die neue Dynamik zeigte sich auch bei getrennten Treffen der beiden mit unentschiedenen Superdelegierten. Sie hörten Clinton am Mittwoch ruhig an und versicherten ihr, niemand wolle sie zwingen, vorzeitig aufzugeben. Es gab aber auch Ermahnungen, die Einheit der Partei nicht zu gefährden. Obama bekam am Donnerstag einen begeisterten Empfang im Capitol. Mehrere Superdelegierte hatten ihre Kinder oder Enkel mitgebracht, die ihn, den Liebling der jungen Generation, persönlich treffen wollten.

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