Politik : CSU: Auf verlorenem Posten

Robert Birnbaum

Die Frau da oben, allein auf der großen Bühne, redet jetzt schon nahezu eine Dreiviertelstunde, da findet Günter Beckstein das Aktenstudium endgültig zu fad. Also steht er auf, der bayerische Innenminister, geht an den Nachbartisch und wühlt in einem dicken Zeitungsstapel nach etwas Lesbarem.

Sein Nachbar blickt kurz und zerstreut auf den Bildschirm an der Rückwand des Podiums, der das Gesicht der Frau da oben für die Zuhörer vergrößert. Dann schlägt Edmund Stoiber seine gelbe Mappe wieder auf, schaut kurz hinein, schlägt die gelbe Mappe wieder zu. Zieht einen Zettel aus der Tasche. Steckt ihn wieder weg. Redet mit seinem Gegenüber.

Die Stimme der Frau da oben auf der Bühne wird immer höher. Und immer schneller. Weil immer dann, wenn sie die Stimme senkt als Zeichen, dass man jetzt klatschen soll, aus dem Saal zähes Schweigen kommt oder ein genau so zäher Beifall. Die Frau auf der Bühne sieht aus dem Augenwinkel ganz genau, was an dem Tisch passiert, an dem die CSU-Spitze sich langweilt. Sie sieht, dass inzwischen alle Kameras auf diesen Tisch gerichtet sind, und dass die an dem Tisch das wissen und sich trotzdem langweilen. Angela Merkel sieht, während sie noch redet, dass hier eine kalte, gezielte Hinrichtung stattfindet. Ihre Hinrichtung.

Dass dieses Grußwort auf dem Nürnberger CSU-Parteitag eine schwierige Rede werden würde, vielleicht ihre schwierigste, hat die CDU-Vorsitzende schon vorher gewusst. Darum hat sie sich vorbereitet, hat ihren Text so eingeübt, dass sie fast nie auf ihr Manuskript gucken muss. Es ist gar keine schlechte Rede. Vielleicht nicht ganz die richtige für einen CSU-Parteitag, weil die Bayern nämlich bis heute nicht hören wollen, dass die Union vor drei Jahren die Bundestagswahl verloren hat, weil sie "die Leute nicht mehr erreicht" habe. Aber wenn die Delegierten wirklich Lust gehabt hätten, freundlich Beifall zu klatschen, wenn die CSU-Führung demonstrative Begeisterung vorgeführt hätte - es hätte glimpflich enden können.

Dass es das nicht tut, ist ganz gewiss kein Zufall. An Stoibers Seite ist Merkel unter Rap-Musik in die Frankenhalle eingezogen - fast so wie vor einem Jahr in die Messehalle in München, wo die Christsozialen sie gefeiert haben für die fröhlich-freche Herausforderung, mit der sie damals ihre Rede begonnen hat: "Merkel ist Merkel, mit allen Risiken und Nebenwirkungen!"

Sie hat auch noch schwungvoll die Parteitags-Bühne geentert, in ihrem schwarzen, kragenlos hochgeknöpften Einteiler. Stoiber hat nur kurz hochgeguckt. Dann hat er lange mit Bernd Neumann geredet, dem Bremer CDU-Chef. Dann hat er mit Beckstein gescherzt. Dann wieder in der gelben Mappe geblättert. "Dies ist unsere Stunde", ruft Merkel. Irgendwo im großen Saal klatschen einige. Stoiber betrachtet seine Schuhspitzen.

Als es endlich vorbei ist, zieht er einen Blumenstrauß hervor und läuft zur Bühne. "Ja, liebe Angela Merkel, herzlichen Dank. Vielen Dank." Der Saal klatscht, irgendwo hinten stehen einige auf, Stoiber sagt noch etwas von "riesiger Verantwortung" und dass die Menschen auf CDU und CSU warteten und dass man Herausforderungen nur gemeinsam bestehen könne. Merkel macht ein Gesicht wie nach einer schweren Schlacht. Zu diesem Spiel gelingt ihr keine gute Miene mehr.

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