Politik : "Da redet man nett mit dem Zöllner"

HARALD MARTENSTEIN

In den Kinderheimen von Novi Sad wird langsam das Brot knapp.Außerdem gibt es in Novi Sad kein Valium mehr.Die Apotheken sind leer.Kein Valium, und dauernd Luftangriffe."Unsere Patienten drehen durch", sagt die Direktorin eines städtischen Behindertenheimes.Wie soll sie den geistig Behinderten erklären, was da passiert? Es fehlt auch an Erwachsenenwindeln, für die Alten, und an Dieselbenzin, für die Traktoren.Die Bauern können ihre Felder nicht bestellen.Und die Alten machen ins Bett.

Dies alles weiß Dieter Dieckerhoff aus Telefongesprächen und aus Faxen, vom ökumenischen Hilfswerk zum Beispiel.Das Hilfswerk unterhält noch immer einen Außenposten in Novi Sad, Hauptstadt der Wojwodina, bewohnt hauptsächlich von Serben, regiert von einer Koalition der jugoslawischen Oppositionsparteien unter Bürgermeister Stevan Vrbaski.Dieckerhoff ist Amtsleiter beim Dortmunder Oberbürgermeister Günter Samtlebe, SPD.

Seit 18 Jahren verbindet Dortmund mit Novi Sad eine Städtepartnerschaft.Das Übliche - Jugendaustausch, Honoratiorenreisen, schöne Worte.An Ostern sollte eine Jugendgruppe aus Novi Sad an einem Sportturnier in Dortmund teilnehmen, für den Mai war ein Besuch des Dortmunder Schubert-Chores in Jugoslawien geplant.Wegen des Krieges ist das nun alles abgesagt.Den Schulbus hat sowieso das jugoslawische Militär beschlagnahmt.

Dortmund möchte Novi Sad helfen.Darin sind alle Rathaus-Parteien sich einig.Aber wie? Seit der Oberbürgermeister einen Spendenaufruf herausgegeben hat, geht immer mehr Geld ein.Damit wollen sie Babynahrung und Medikamente kaufen, und es irgendwie nach Novi Sad schicken, mit einem Konvoi über Ungarn vielleicht."Da redet man an der Grenze freundlich mit dem Zöllner", erzählt Dieckerhoff, "das ist auf dem Balkan so üblich." Zur Vorbereitung jenes Transportes wurde in Dortmund eine Arbeitsgruppe gebildet, der Caritas, Rotes Kreuz, Diakonisches Werk sowie zwei ältere Damen aus Novi Sad angehören, die sich gerade in Dortmund aufhalten.

Einige Dortmunder wollen sogar auf eigene Faust nach Novi Sad fahren.Privat.Darunter eine Frau, die seit Jahren ein Heim in Novi Sad unterstützt und ein Dauervisum für Jugoslawien besitzt.Aber es weiß zur Zeit niemand, ob solche Dauervisen an der Grenze noch etwas wert sind.Von Bürgermeister Vrbaski kam jedenfalls das Signal, daß seine Stadt für Hilfe dankbar ist, woher auch immer.Dieckerhoff hat, bevor der Spendenaufruf herausging, beim Auswärtigen Amt nachgefragt.Ob Bedenken bestünden.Sie bestehen nicht, obwohl offiziell ein Embargo gegen Jugoslawien besteht."Aber Freunden hilft man", sagt der Oberbürgermeister.So geschieht es womöglich, daß deutsche Flugzeuge eine Stadt bombardieren, während dort gerade ein deutscher Hilfskonvoi eintrifft.In alter Freundschaft.

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