Politik : „Das Altenheim hat ausgedient“

Die Grünen-Politikerin Irmingard Schewe-Gerigk über Senioren-WGs und Diskriminierung

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Die Angst vor dem Heim ist der häufigste Grund für den Suizid älterer Menschen. Steht es so schlimm um die Alten in Deutschland?

Es ist kein Wunder, dass ältere Menschen Angst haben, wenn sie in der Zeitung von Skandalen lesen, wo etwa Pflegebedürftige austrockneten oder an den Folgen des Wundliegens starben. Doch das halte ich für Ausnahmen. Dennoch müssen wir in der Gesellschaft eine Debatte darüber führen, warum in der Intensivmedizin Menschen mit hohen Kosten am Sterben gehindert werden, während uns die Lebensqualität alter Menschen in Heimen weniger wert ist. Das Heim als Wohnform am Ende des Lebens hat ausgedient. Wir sollten andere Formen, etwa Wohngemeinschaften von Alten, etablieren.

Werden die Alten nicht gut betreut?

Das Personal in den Heimen steht unter erheblichem Leistungsdruck. Dazu kommt: Die Pflegeversicherung hat ein starres Zeitbudget für Pflegedienstleistungen festgesetzt. Wenn ältere Menschen nicht mehr gut schlucken können, wird sehr leicht eine Sonde gesetzt, weil die geduldige Hilfe beim Essen zu viel Zeit kosten würde. Oder es wird ein Katheter gesetzt, wenn Heimbewohner viel Zeit für Toilettengänge brauchen. All das macht Menschen zu Recht Angst.

Wie wollen Sie den Mangel beheben?

Wir brauchen mehr qualifiziertes Personal in den Heimen. Die Pflegeversicherung reicht nicht aus, um alle notwendigen Leistungen abzudecken. Wir schlagen vor, Pflegebedürftigen ein persönliches Budget zu geben, aus dem sie selbst Leistungen bezahlen können. Das würde die Selbstständigkeit stärken.

Ältere fürchten auch, Ein-Euro-Jobs könnten künftig die Qualität der Betreuung in Heimen rapide sinken lassen.

Ich halte diese Angst für unbegründet. Die Fallmanager der Arbeitsagentur sollen keine Menschen in Alten- oder Pflegeheime schicken, die sich für solche Arbeiten nicht eignen. Es geht auch nicht darum, Altenpfleger zu ersetzen. Es geht um solche Tätigkeiten, für die bisher keine Zeit bleibt wie Vorlesen, Hilfe beim Essen oder andere Verrichtungen.

Sind die Missstände symptomatisch für das Leben Älterer in Deutschland?

Nein, das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit. Die Menschen kommen durchschnittlich mit 84 Jahren in ein Pflegeheim. Bis heute blendet die Altenpolitik die Tatsache aus, dass es Menschen im Alter zwischen 50 und 80 gibt, die nicht pflegebedürftig sind, die aktiv sind und sich engagieren wollen. Über sie gibt es keine Skandalgeschichten. Ich will das nicht gegeneinander aufrechnen. Wir brauchen eine gute Pflege. Aber die Politik muss sich auch einmal anschauen, was sie für diejenigen machen kann, die aktiv sein wollen.

Wird die Wirtschaft ihrer Verantwortung gerecht?

Keinesfalls. Wir haben eine traurige Spitzenstellung in Europa. Jeder zweite Betrieb in Deutschland beschäftigt heute keine Menschen jenseits der 50 mehr. Das kann die Politik nicht zulassen. Deshalb verlangen wir ein Anti-Diskriminierungsgesetz, das verhindert, dass Menschen Nachteile allein wegen ihres Alters erleiden. Menschen jenseits der 50 erbringen keine schlechteren Leistungen als Jüngere. Die einen haben die Erfahrung, die anderen das neue Wissen.

Stimmt das öffentliche Bild der Alten in Deutschland mit der Realität überein?

Nein, wir müssen unser Bild von alten Menschen ändern. Es ist fatal, wenn wir uns alte Menschen sofort als schwach, pflegebedürftig und arm vorstellen. Ein Beispiel: Nur 1,3 Prozent der über 65-Jährigen sind heute auf Sozialhilfe angewiesen. Bei Kindern und Jugendlichen unter 18 aber sind es 6,6 Prozent. Im Durchschnitt haben alte Menschen heute ein gutes Einkommen und verfügen über eine riesige Kaufkraft. Untersuchungen besagen, dass wir eine Million Arbeitsplätze schaffen können, wenn sich die Wirtschaft wirklich auf die Bedürfnisse von Alten einstellen würde.

Wenige Ältere wählen die Grünen. Bringt Ihnen dieses Thema Gewinn?

Das ist nicht der Grund, warum wir uns damit auseinander setzen. Es wäre fahrlässig, wenn die Politik nicht allmählich Konzepte für eine alternde Gesellschaft entwickeln würde. Noch nie war der Anteil der Jüngeren an der Bevölkerung so gering und der der Älteren so groß wie im Moment. Und das mit steigender Tendenz.

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