Politik : Das Christentum setzt Grenzen

Von Wolfgang Schäuble

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Noch sind uns die bewegenden Bilder vor Augen, die das Sterben und den Tod von Papst Johannes Paul II. in Rom, in Polen, nahezu auf der ganzen Welt begleitet haben. Ungeheure Menschenmengen, die sich quer durch Europa in Bewegung setzten, vereint im ehrenden Gedenken an einen herausragenden Menschen. Dann Staatenlenker, Kirchenfürsten und Religionsführer, einträchtig und demütig zu Füßen eines schlichten Holzsarges. Eindrucksvoller lässt sich die Hinordnung auf das Wesentliche, die Unterbrechung des Banalen kaum einfangen. Solche Momente sind einzigartige Konstellationen der Weltgeschichte und nur wirklich herausragenden Persönlichkeiten vorbehalten. Beobachter haben an Mahatma Gandhi erinnert, andere, gerade anlässlich der zeitlichen Nähe der Hochzeit des britischen Thronfolgers, an den Tod von Prinzessin Diana, und wieder andere sagen Ähnliches voraus für den Tod von Nelson Mandela.

Aber lassen sich diese Fälle wirklich vergleichen, so sehr der Tod auch alle gleich macht? Im Falle von Johannes Paul II. war vielleicht doch mehr, etwas wesentlich Anderes im Spiel. Es waren ja nicht nur Katholiken, deren Bewunderung und deren Herzen, jedenfalls deren Respekt er gewonnen hat über sein Leben und Sterben hinaus, sondern viele, viele andere Menschen, solche anderer Konfessionen und Religionen, und auch solche, die gar nicht an Gott glauben. Was löst eine derart breite Faszination aus? Vielleicht das glaubwürdige und unbeirrte Einstehen für Werte und Überzeugungen, gerade auch dann, wenn sie den Moden der Zeit entgegenstehen.

Was bleibt nun davon? Vergeht die Faszination so schnell wie die Bilder und die Stimmungen? Wie begründet sind die Hoffnungen, die viele mit diesem Tod verbinden im Sinne eines Aufbruchs, einer Erneuerung der Religionen? Wie in vielen anderen Fällen auch, wird es für die Christenheit wie für Europa darauf ankommen, was wir selbst daraus machen. Wir könnten uns zum Beispiel darauf zurückbesinnen, dass ein sehr wertvolles Erbe des Christentums in den Grenzen liegt, die es Allmachtsfantasien jeglicher Art setzt: dem Staat, in der Wissenschaft, auch jedem Einzelnen. Insofern erleben wir gerade hier in Berlin ein markantes Beispiel, wie man es gerade nicht machen soll. Denn der staatlich verordnete und monopolisierte Werteunterricht zerstört nicht nur die Religion und ihr natürliches Nachwachsen durch Vermittlung derjenigen, die allein sie authentisch und glaubwürdig, aus eigener Anschauung und Praxis leisten können. Sondern diese Unterrichtskonzeption überfordert auch den Staat. Er ist gehalten, sich in Weltanschauungsfragen zurückzuhalten. Das gehört zu den besten und vernünftigsten Errungenschaften des oftmals leidvollen Weges, den Staat und Kirchen gerade in Deutschland miteinander gegangen sind.

Der Autor ist Mitglied des Präsidiums der CDU.

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