Politik : Das Ende von Tschernobyl: "Mit Atomkraft - oder ohne Strom und Heizung"

Doris Heimann

Die meisten Menschen in der Ukraine werden auf die Abschaltung von Tschernobyl mit Erleichterung reagieren. Das ist die Einschätzung von Anatolij Ponomarenko, Botschafter der Ukraine in Berlin. "Tschernobyl ist für uns zu einem Symbol des Unglücks geworden", erklärt der Diplomat, "viele Familien haben unter den Folgen des Unfalls gelitten." Deshalb sei auch eine klare Mehrheit für die Stilllegung der Anlage - unter der Bedingung, dass das keine negativen Auswirkungen auf die Energieversorgung haben wird.

Das Dilemma für das osteuropäische Land: Der Reaktor von Tschernobyl lieferte bislang 4,3 Prozent des Energiebedarfs der Ukraine. Nach der Abschaltung wird es aber etwa drei bis vier Jahre dauern, bis der Bau des zweiten Energieblocks im Akw Khmelnitzky und des vierten Energieblocks im Akw Rowno mit westlicher Hilfe abgeschlossen sind. Die Osteuropabank hat schon zugesagt, dass sie der Ukraine bei der Überbrückung dieses Lochs in der Energieversorgung finanziell unter die Arme greifen wird. "Gegenwärtig versuchen wir, die Kapazität unserer Gas- und Kohlekraftwerke zu steigern, um damit die Energieverluste auszugleichen. Für den so genannten "fuel gap" brauchen wir finanzielle Hilfe aus dem Westen", sagt Ponomarenko.

Dass der stillgelegte Unglücksreaktor durch zwei weitere Atomreaktoren - in Khmelnitzky und Rowno - ersetzt werden soll, sieht man in der Ukraine mit gemischten Gefühlen. Für die Menschen, die die schädlichen Auswirkungen der Kernkraft selbst zu spüren bekommen haben, sei es eine schwierige Wahl, so Ponomarenko: "Entweder mit Atomkraft - oder ohne Heizung und Strom."

Ponomarenko verteidigt auch die Geldforderungen Kiews an den Westen. "Tschernobyl ist kein ukrainisches Problem, sondern ein globales Problem sowjetischen Ursprungs." Das Allunionsministerium in Moskau habe damals die später fatale Entscheidung getroffen, in unmittelbarer Nähe zu der Metropole Kiew ein Akw aufzustellen. "Die Ukraine ist zu arm, um mit den Folgekosten allein klarzukommen". Aus Russland dagegen sei heute keine finanzielle Hilfe zu erwarten.

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