Politik : "Das ist nicht Politik, das ist Wahnsinn!"

GERD HÖHLER

ATHEN .Die NATO-Militärstrategie gegen Jugoslawien wird nach Ansicht des früheren griechischen Ministerpräsidenten Kostas Mitsotakis ihr Ziel verfehlen.Der jugoslawische Staatschef Slobodan Milosevic werde auch unter dem Druck weiterer Bomben nicht nachgeben, sagte Mitsotakis im Gespräch mit dem Tagesspiegel.Der 81jährige griechische Ex-Premier gilt als einer der erfahrensten Politiker seines Landes und intimer Kenner der Verhältnisse auf dem Balkan.Den Serben Milosevic kennt er gut, er nennt ihn seinen "Freund".

Die NATO-Bombardements, sagte Mitsotakis, bewirkten das genaue Gegenteil dessen, was sie erreichen sollen: "Sie haben Milosevic einen großen Dienst erwiesen: Sie haben ihn innenpolitisch gestärkt, die Opposition ist inzwischen auf seiner Seite, und sie haben Milosevic den Anlaß geliefert, seine Repressionen im Kosovo zu verschärfen." Unkalkulierbare Gefahren sieht Mitsotakis, wenn sich die NATO zum Einsatz von Bodentruppen entschließen sollte, "ein Gedanke, mit dem jetzt einige bereits spielen", wie er meint: "Das könnte Krieg auf dem ganzen Balkan bedeuten." Das in Rambouillet ausgehandelte Friedensabkommen hält der griechische Politiker nicht für eine tragfähige Basis.

Unterdessen haben mehr als zwei Millionen Griechen am Freitag aus Protest gegen die NATO-Luftangriffe zwei Stunden lang die Arbeit niedergelegt.Nach Einschätzung der beiden größten Gewerkschaften des privaten und öffentlichen Bereichs, die zu dem Protest aufgerufen hatten, fand die Aktion landesweit breiten Anklang.Die sozialistische Regierung hatte sich zu der Arbeitsniederlegung nicht geäußert.

Griechische Medien nutzen derweil die weitverbreitete pro-serbische Stimmung.Sie heben immer wieder "die Leiden des serbischen Volkes" hervor.Die Vertreibung der albanischstämmigen Bevölkerung aus dem Kosovo wird häufig als "Folge der Bombardements der NATO" dargestellt.Die orthodoxe Kirche Griechenlands entsandte drei Bischöfe zu ihren serbischen Glaubensbrüdern.Patriarch Pawle erhielt von ihnen 30 000 Dollar für die notleidende Bevölkerung.Die freundschaftlichen Bande reichen bis ins 19.Jahrhundert zurück.Damals befreiten sich Griechen und Serben zeitgleich vom Osmanischen Reich.Außerdem kämpften sie in den Balkankriegen 1912 bis 1913, im Ersten und im Zweiten Weltkrieg Seite an Seite.

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