Politik : Das Leben im Kopf

Michael Dudley wollte in der Berliner Musikszene durchstarten – jetzt lebt er vom Flaschensammeln.

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Er hat im Görlitzer Park gelegen und gedacht, dass es zu Ende geht. „Irgendwann war ich so ausgehungert“, sagt Michael Dudley, „das war wie Sterben in Zeitlupe.“ Das Einzige, was ihn weitermachen ließ, war sein Musikprojekt, eine Art modernes Märchen, erzählt mit Elektrobeats. „Ich habe mich an meiner Idee festgehalten“, sagt er. Michael Dudley heißt nicht wirklich so, seinen richtigen Namen will er nicht in der Zeitung sehen. Zu oft konnte er in den vergangenen Jahren sein Überleben nicht legal finanzieren, zu viele Schuldner warten noch auf ihr Geld, zu wenige seiner Verwandten wissen, dass er klauen musste, weil er nichts zu essen hatte.

Es ist keine klassische Geschichte eines mittellosen Einwanderers, die das Leben des heute 37-Jährigen geschrieben hat. Die Kapitelüberschriften lauten nicht „Armes Herkunftsland“, „Keine Ausbildung“, „Gescheiterte Integration“ und „Perspektivlosigkeit“. Michael Dudley kam, angezogen von der Berliner Musikszene, aus dem schottischen Glasgow, er wollte sich unter Gleichgesinnte mischen, unter Kreative. Im Gepäck hatte er neben der Idee von seinem Elektromärchen auch eine ganze Wagenladung Musikequipment, „ich wollte so schnell wie möglich durchstarten“, sagt Dudley.

Er sitzt in einer Kreuzberger WG, schaut sich unsicher um, zieht seine Wollmütze gerade. Seine Klamotten – brauner Schal, Schlabberhose und schwarze Stoffjacke – vermitteln eher den Eindruck eines urbanen Berufsjugendlichen als den eines Mannes, der in einer Galerie übernachten und verschwinden muss, wenn dort gearbeitet wird. Nur seine müden Augen geben eine Idee davon, was Michael Dudley durchgemacht hat. Er schaut auf eine mit Leergut gefüllte Tüte, die er gleich im nächsten Supermarkt abgeben wird.

Die Pfandflaschen sind für Dudley eine wichtige Einnahmequelle, manchmal sammelt er sie auf der Straße, oder er lässt sich anrufen, um das Leergut abzuholen. Dudley hat seine Handynummer auf pfandgeben.de eingetragen, einer Internetplattform für mittellose Menschen. Sie werden von Leuten angerufen, die das Kleingeld nicht brauchen. „Dass ich so was mal mache, hätte ich nie im Leben gedacht“, sagt Dudley.

In Glasgow hatte er in Bars und als Tontechniker gearbeitet, seine Heimatstadt jedoch nie gemocht. Ein erster Berlin-Trip 2001 begeisterte ihn für die Stadt, 2005 kam er, um zu bleiben. Der Illusion, von seiner Musik leben zu können, gab sich Dudley nicht lange hin, er jobbte bei Veranstaltungsfirmen und als Flyerverteiler. „Ich bin kein Typ für stumpfe körperliche Arbeit“, sagt Dudley und tippt sich mit einem Finger an den Kopf.

Die Abwärtsspirale begann, als eine Firma, für die Dudley Lastwagen entlud, sein Gehalt nicht rechtzeitig auszahlte. Er konnte seine Miete nicht begleichen, ließ Einsatz vermissen. „Die haben gesagt, ich bin faul, ich habe geantwortet: Zahlt mein Gehalt, dann bin ich auch fleißig.“ Er verlor den Job, dann seine Wohnung. Zum ersten Mal musste er hungern, Freunde halfen aus. Die Eltern, einfache Arbeiter aus dem Norden Schottlands, schickten manchmal einige hundert Euro. Mehr hatten sie selbst nicht übrig. Als er endlich wieder Arbeit fand, unterlief Dudley ein Fehler, tonnenschweres Partyzubehör fiel und ging zu Bruch, „das war gefährlich, wenn jemand druntergestanden hätte, wäre er krepiert“. Zum ersten Mal schlief Dudley in Parks, wühlte in Mülltonnen. Viele seiner Freunde wendeten sich von ihm ab. „Niemand will mit dir abhängen, wenn du nach Hundepisse stinkst“, sagt er.

Dudleys Mietschulden fraßen sein Equipment auf, das er nach und nach versetzen musste. Als er alles verkauft hatte, wurde die Straße endgültig zu seinem Zuhause. Er beantragte Hartz IV, doch die Behörden hätten ihn nur von A nach B und zurück geschickt, „ich hatte das Gefühl, die wollten mich einfach loswerden“. Irgendwann kam eine Absage, wahrscheinlich hätte er es weiterversuchen können, aber Dudley gab auf.

Als die Schulden über seinen Kopf wuchsen, fing Dudley an, Drogen zu verkaufen. „Ich kannte Leute, die was wollten, und Leute, die was hatten.“ Ob er selbst Drogen genommen hat? „Selten, das konnte ich mir finanziell gar nicht leisten.“ Von anderen Obdachlosen hielt sich Dudley fern, er wollte nicht „in dieser Szene festwachsen“.

Erstaunt habe ihn, sagt Dudley, dass er von den ganzen labbrigen Pommes aus Mülltonnen nicht krank wurde, dass sein Körper das überhaupt ausgehalten hat. „Es ist verdammt hart, wenn man die ganze Zeit sprinten muss, um auf der Stelle zu stehen.“ Oft habe er an Selbstmord gedacht, „irgendwann ist die Realität so grausam, dass man nur noch in seinem Kopf lebt“. In seinem Kopf, vor allem mit seiner Idee, das Elektromärchen zu schreiben. Wieder ein Dach über dem Kopf zu haben.

Zu seinem Lieblingsplatz wurden die Wiesen am Schlesischen Busch, nicht nur wegen der nahen Spree, sondern weil er sich dort sicher fühlte. Weit weg konnte er ohnehin nicht, sein Ausweis war mittlerweile abgelaufen, für einen neuen fehlte das Geld. Sein längster Ausflug der vergangenen vier Jahre war eine Fahrradfahrt zum Wannsee. Das kann er jetzt aber auch nicht mehr machen, „das verdammte Fahrrad wurde mir geklaut“, sagt Dudley, er lacht, als wolle er sagen: ausgleichende Gerechtigkeit. Schließlich klaute er selbst lange Essen in Supermärkten, bis ihn ein Hausdetektiv erwischte.

Wie er sich selbst in dieser ganzen Zeit verändert habe? Dudley muss lange nachdenken, „ich bin schon zynischer geworden“, sagt er, auf Englisch. Er spricht zwar Deutsch, mit typisch britischem Akzent, aber wenn es um sein Leben geht, fällt die Heimatsprache leichter. Zurück auf die Insel will er aber nicht, „eher nach Portugal“. Arm, aber große Pläne? „Man muss sich seinen Optimismus bewahren. Irgendwann kriege ich einen neuen Pass, und dann wird es vielleicht Zeit, Berlin zu verlassen.“

Ohnehin läuft es für Dudley seit kurzem etwas besser, in der Galerie unweit des Görlitzer Parks schläft es sich immerhin warm. Hin und wieder verteilt er Flyer, dafür gibt es fünf Euro die Stunde. Manchmal führt er auch britische Touristen durch die Stadt – und dann gibt es ja noch die Pfandflaschen. Selbst mit Frauen komme er immer noch in Kontakt, sagt Dudley. Zuletzt hatte er ein Date vereinbart, aber den Fehler gemacht, neben seiner Telefonnummer auch die Adresse seines Blogs mitzuteilen, auf dem einiges von dem zu lesen ist, was ihm in seinem Leben so passiert ist. Dort schreibt Dudley auch viel Dunkles, Abgründiges, Verstörendes. Das schreckte die Frau ab, glaubt er. Sie meldet sich nicht mehr.

Ob es nicht jetzt endlich möglich wäre, sein Projekt anzugehen, das er so lange geplant habe? Dudley zündet sich eine Zigarette an, sagt leise: „Es sind bislang nur Ideen, geschrieben auf einen Zettel.“ Dudley macht eine lange Pause, nachdem er den Satz beendet hat. Dann steht er auf. Er müsse jetzt los.

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