Politik : Das Mordbekenntnis kam übers Internet

Thomas Migge

Zum ersten Mal haben in Italien Terroristen das Internet genutzt, um sich den Behörden zu erkennen zu geben. In dem Schreiben an 400 Internet-Adressen, darunter Nachrichtenagenturen und Polizeistellen, bestätigten sie am Donnerstag die Vermutung der Polizei: Es handelte sich um die Roten Brigaden, die am Dienstagabend den Regierungsberater Marco Biagi erschossen. Allerdings handelt es sich bei diesen Tätern nicht mehr um die historischen Rotbrigadisten, die Anfang der 70er Jahre entstanden sind und bis 1982 zerschlagen wurden.

"Niemand glaubte allen Ernstes", erklärte noch vor kurzem Innenminister Claudio Scajola, "dass Splittergruppen der Roten Brigaden nicht überlebt haben". Es geht also um eine Art "Neo-Brigate-Rosse", die zum ersten Mal wieder 1999 von sich reden machten. Der ehemalige linksdemokratische Innenminister Giorgio Napolitano glaubt sogar, dass "wir auf eine neue Epoche linksradikalen Terrorismus zugehen, für die es verschiedene Gründe gibt".

Einer dieser Gründe könnte die Kritik weiter Kreise der linken Öffentlichkeit an einer Opposition sein, so Napolitano, "die von radikalen Elementen als zu schwach verworfen wird". In dem am Donnerstag der Polizei zugemailten Bekennerschreiben zu dem Attentat auf Biagi ist zu lesen, dass "wir Roten Brigaden für den proletarischen Kampf die Verantwortung haben und dass wir das kommunistische Selbstbewusstsein wiedererwecken wollen".

Zu denjenigen Gruppen, die vom Inlandsgeheimdienst DIGOS und den Ermittlungsbehörden als besonders aggressiv eingestuft werden, gehört neben den Roten Brigaden die NPR, "Nuclei di iniziativa proletaria rivoluzionaria". Die Gruppe zeichnete in den letzten Jahren für verschiedene Bombenanschläge verantwortlich. Sie arbeitet vor allem in Rom. Ihr werden enge Kontakte zu den "Brigate Rosse" nachgesagt. Die Polizei geht von engen Kontakten unter den verschiedenen Gruppen in Italien aus - aber auch von Beziehungen zu linksradikalen Terrorvereinigungen im Ausland, zum Beispiel in Deutschland.

"Es wird unsere erste Aufgabe sein", erklärte am Donnerstag Innenminister Scajola, "diesen Sumpf auzutrocknen". Um ein eindeutiges "No" zum Terrorismus auszusprechen, haben die Gewerkschaften ihre Mitglieder dazu aufgerufen, am kommenden Samstag in Rom nicht nur gegen das neuen Gesetz zum Kündigungsschutz zu demonstrieren, sondern auch gegen den bewaffneten Kampf radikaler politischer Gruppen.

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