Politik : Das private Kopftuch

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Der türkische Tag beginnt mit dem Gebetsruf. „Gott ist groß“, ertönt der Ruf der Muezzins von den Minaretten der insgesamt 80 000 Moscheen im Land vor Sonnenaufgang. Bevölkert wird die Türkei zu

99 Prozent von Muslimen , und regiert wird sie von einem frommen Ministerpräsidenten, dessen Frau ihr Haar in der Öffentlichkeit mit einem Kopftuch verhüllt. Ein islamisches Land also, das von seiner Religion geprägt und geleitet wird?

Der erste Eindruck trügt. Die Ministerpräsidentengattin darf wegen ihres Kopftuches nicht repräsentieren, die Muezzins und Imame stehen im Sold und unter der Kuratel des Staates, und die 99 Prozent Muslime laufen in verschiedene Glaubensrichtungen auseinander. 80 Jahre, nachdem das laizistische Staatsprinzip an die Stelle der islamischen Staatsreligion trat, hat der Laizismus in der Türkei weiterhin die Oberhand.

Mit der Abschaffung des Kalifats und der Staatsreligion, der Schließung islamischer Religionsschulen, der Auflösung der muslimischen Bruderschaften und dem Verbot religiöser Trachten legte die Türkische Republik in ihren Gründungsjahren das Fundament für den Laizismus „à la turca“, der weniger in der Trennung von Staat und Religion besteht als vielmehr in der Unterwerfung der Religion unter den Staat . Bis heute betrachtet der türkische Staat den Glauben seiner Bürger als potenziell subversive Gefahr.

Kontrolliert wird der Islam vom Staat vor allem durch das Amt für Religionsangelegenheiten . Allein die Größe des Religionsamtes mit seinen fast 100 000 Mitarbeitern macht deutlich, wie ernst es der türkische Staat mit der Kontrolle über den Islam nimmt. Alle Prediger, Vorbeter und Muezzins des Landes heuert, feuert und steuert dieses Amt, das auch die Predigten für alle Moscheen schreibt.

Zudem hat der türkische Staat reichlich Gesetze und Verfassungsbestimmungen zur Verfügung, die den Laizismus absichern sollen und vom Staatspräsidenten, den Gerichten und der Bürokratie eifrig durchgesetzt werden. Selbst mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlament konnte die religiös-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bisher das Kopftuchverbot in Schulen, Universitäten und Ämtern nicht abschaffen. güs

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